Es gibt Krisen, die machen ein schönes Bild: Sirenen, Mikrofone, irgendwer sagt „wir stehen zusammen“ in eine Kamera, und alle wissen ungefähr, wie sie dazu zu gucken haben. Und dann gibt es diese andere Sorte Krise, die nichts hergibt fürs Abendprogramm, weil sie nicht knallt, sondern sickert – in Kämmererbüros, in Excel-Tabellen, in Sitzungen, wo die Luft irgendwann so dünn wird, dass man schon am Rascheln der Papierstapel merkt: Hier geht gleich nicht mehr „nur“ was schief, hier geht gar nichts mehr. Der Gemeindefinanzbericht Sachsen 2024/2025 beschreibt genau diesen Zustand, und ich merke beim Lesen, wie schnell dieses vermeintlich trockene Zahlenzeug plötzlich eine Story wird, die man eigentlich nicht hören will: Defizite weiten sich aus, nicht weil irgendwo ein paar Leute zu viel Champagner ins Budget geschrieben hätten, sondern weil Pflichtaufgaben, Preissteigerungen und soziale Lasten schneller wachsen als jede noch so disziplinierte Haushaltsführung. Der Sächsische Städte- und Gemeindetag sagt inzwischen offen, was lange hinter routinierten Formeln versteckt wurde: Nach drei Quartalen 2025 stehen die sächsischen Kernhaushalte bei einem Defizit von 1,1 Milliarden Euro, die Lage sei dramatisch, jetzt müsse gehandelt werden. Und wenn ich dann noch jemanden „konjunkturelle Delle“ murmeln höre, klingt das für mich ungefähr so, als würde man bei einem Hausbrand über Zugluft diskutieren – der Bruch ist strukturell, und die Frage ist nicht mehr, ob Kommunen noch ein bisschen weniger nett zu sich selbst sein müssen, sondern ob sie künftig überhaupt noch gestalten oder nur noch abwickeln.
Was mich daran so nervös macht, ist diese Nüchternheit, mit der der Bericht eigentlich nur protokolliert, was politisch seit Jahren passiert: 2024 liegt der Finanzierungssaldo der sächsischen Kommunen im Durchschnitt bei minus 186 Euro je Einwohner. Das ist kein Ausrutscher, das ist ein Signal, so klar wie eine rote Lampe, die keiner ausschaltet, weil man sich an das Rot gewöhnt hat. 2023 war durch befristete Hilfen des Landes noch einmal ein positives Ergebnis möglich, also dieser eine Moment, wo man kurz so tut, als hätte man die Sache im Griff – nur dass die Mechanik dahinter längst weiterläuft: Auf der Ausgabenseite drücken Personal-, Energie-, Sachkosten und Zinsen, auf der Einnahmenseite bleibt vieles fragil, weil Steuerkraft, Demografie und wirtschaftliche Dynamik ungleich verteilt sind. Und hier kommt die politische Zumutung, die im Alltag so gern wegmoderiert wird: Wer in Dresden gern „kommunale Freiheit“ sagt, hat diese Freiheit in der Praxis in ein Korsett aus Pflichtlasten verwandelt, und das Korsett wird enger, während man gleichzeitig erwartet, dass die Kommunen elegant darin tanzen.
Der Kern ist sozialpolitisch – und damit hochpolitisch, egal wie sehr man das Wort „sozial“ manchmal wie einen lästigen Anhang behandelt. Der Bericht zeigt, wie stark die Sozial- und Eingliederungshilfe in Sachsen gewachsen ist, zwischen 2017 und 2022 um 85 Prozent, und für die kommenden Jahre werden weiter hohe Zuwächse erwartet, je nach Leistungsbereich zwischen 6,3 und 7,1 Prozent. Das sind Größenordnungen, die man nicht mit dem Appell „seid halt sparsamer“ weglächeln kann, weil diese Ausgaben oft rechtlich gebunden sind: Ansprüche, Gerichtsurteile, Tarifentwicklungen, gesellschaftliche Realitäten – beschlossen wird vieles oben, bezahlt wird unten. Und dieses „unten“ ist kein romantischer Ort, sondern die Ebene, auf der Jugendhilfe, Pflege, Integration, Teilhabe passieren oder eben nicht passieren, je nachdem, ob am Monatsende noch Luft ist. Gleichzeitig frisst die Gegenwart die Zukunft, und in der kommunalen Welt heißt das ziemlich unpoetisch: Investitionen werden zur Verfügungsmasse der laufenden Krise. Formal investieren sächsische Kommunen 2024 noch 531 Euro je Einwohner, liegen damit aber unter dem Bundesdurchschnitt von 638 Euro je Einwohner und seit 2021 sogar unter allen Vergleichsgruppen – und selbst diese nominalen Summen verlieren durch steigende Baupreise und Kosten real an Wirkung (wer heute eine Schule saniert, bekommt weniger Bauleistung als vor ein paar Jahren; wer es nicht tut, zahlt später mehr, nicht weniger). Dazu kommt, dass Sachsen investive Mittel in die allgemeine Stabilisierung verschiebt, etwa durch die Auflösung eines 300-Millionen-Euro-Vorsorgevermögens und die Umsteuerung von investiven Zuweisungen, flankiert von Investitionspauschalen und Entlastungsmitteln – kurzfristig hilft das, klar, nur ist es eben der gefährliche Tausch: Liquidität jetzt gegen Substanz später. Und als ob das nicht reichen würde, hängt über allem diese wirtschaftliche Großwetterlage, die Kommunen immer doppelt trifft: Wenn Prognosen für 2026 mit mehr Arbeitslosen rechnen, besonders bei jungen Menschen, dann ist das nicht nur eine arbeitsmarktpolitische Meldung, sondern kommunalpolitischer Sprengstoff, weil jede verlorene Ausbildungsbiografie, jede Abwanderung, jede verfestigte Erwerbslosigkeit irgendwann als Rechnung wiederkommt – in höheren Sozialausgaben, mehr Druck auf Jugendhilfe und Qualifizierung, und weniger Spielraum für die Dinge, die man im Sonntagsmodus gern „gesellschaftlichen Zusammenhalt“ nennt, die aber montags ganz konkret sind: Buslinie, Sportverein, Bibliothek, Schwimmbad, Kulturhaus, Ehrenamt.
Und ja, jetzt müsste eigentlich „die Politik“ auftreten, als wäre sie eine Person mit Haltung und Plan, aber realistisch ist Politik hier eher ein Set aus Entscheidungen, Zuständigkeiten und dem Mut, Dinge nicht mehr nur zu vertagen. Was nach einer Antwort klingt, die den Namen verdient, ist deshalb auch kein Zauberspruch, sondern eine ziemlich unglamouröse Liste an Zumutungen – für Land und Bund, nicht für die Kommunen: Erstens braucht Sachsen eine regelgebundene, verlässliche Mitfinanzierung der großen Pflichtaufgaben statt dieses hektischen Sondertopf-Hoppings nach Kassenlage; der Sächsische Städte- und Gemeindetag verlangt das ausdrücklich, und in dieser Sache klingt das nicht nach Lobby, sondern nach Mindestmaß an Statik. Zweitens muss der kommunale Finanzausgleich so reformiert werden, dass er nicht nur Löcher stopft, sondern Planungssicherheit erzeugt, und zwar über Jahre, nicht nur bis zum nächsten Haushalt. Drittens sollte der Bund sich diese Angewohnheit abgewöhnen, neue Rechtsansprüche zu formulieren und die Folgekosten nach unten durchzureichen – wenn kommunale Sozialausgaben in Dimensionen wachsen, die an die Tragfähigkeit gehen, ist das kein lokales Missmanagement, sondern ein föderaler Konstruktionsfehler. Viertens braucht es eine Investitionslogik, die Substanzerhalt priorisiert, mit realen Preisindizes rechnet und Genehmigungs-, Vergabe- und Förderverfahren so entschlackt, dass Geld nicht in Prozessen verdampft, sondern als Bauleistung ankommt. Und schließlich – vielleicht am unerquicklichsten, weil es nicht als Maßnahme durchgeht – politische Ehrlichkeit: Wer kommunale Selbstverwaltung rhetorisch preist, muss sie finanziell ermöglichen, sonst ist sie nur Dekoration mit Wappen. Die Frage ist nicht, ob Sachsen sich starke Kommunen leisten kann. Die Frage ist, ob Sachsen sich schwache Kommunen noch leisten will, ausgerechnet jetzt, wo Vertrauen längst zur knappsten Ressource geworden ist.
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