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		<title>Nicht das heute journal hat KI verschlafen; die Politik hat’s getan.</title>
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		<dc:creator><![CDATA[mimede]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Feb 2026 13:10:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienpolitik]]></category>
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					<description><![CDATA[Ich sitze vor diesem ganzen KI-Theater wie vor einer zu spät bestellten Pizza: Alle diskutieren jetzt plötzlich sehr leidenschaftlich über den Belag, aber die eigentliche Katastrophe war, dass niemand rechtzeitig den Ofen angemacht hat. Und ja, es stimmt: EU und Deutschland haben die Regulierung von KI nicht nur „verschlafen“, sie haben sie behandelt wie so [&#8230;]]]></description>
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<p>Ich sitze vor diesem ganzen KI-Theater wie vor einer zu spät bestellten Pizza: Alle diskutieren jetzt plötzlich sehr leidenschaftlich über den Belag, aber die eigentliche Katastrophe war, dass niemand rechtzeitig den Ofen angemacht hat. Und ja, es stimmt: EU und Deutschland haben die Regulierung von KI nicht nur „verschlafen“, sie haben sie behandelt wie so ein unangenehmes Thema im Koalitionsvertrag – man schiebt es elegant an den Rand, lächelt dazu und hofft, dass es sich von selbst erledigt. Spoiler: tut es nicht. Stattdessen passiert das, was in der Politik zuverlässig passiert, wenn Technik schneller ist als Gesetzgebung: Erst wird geredet, dann wird beruhigt, dann wird überrascht geguckt, und am Ende wird hektisch ein Rahmen gebaut, der so aussieht, als hätte man ihn aus den Resten alter Datenschutz- und Wettbewerbsdebatten zusammengetackert. Hauptsache, irgendwas mit „Leitplanken“. Leitplanken sind super, nur blöd, wenn das Auto längst auf der linken Spur fährt und wir hinten noch die Schilder aufstellen.</p>



<p>Was mich an der aktuellen Stimmungslage nervt, ist dieses reflexhafte Sündenbock-Bingo: Jetzt also das heute journal, jetzt also „die Medien“, jetzt also der Vorwurf, sie würden das Thema falsch setzen, zu zugespitzt, zu moralisierend, zu alarmistisch, zu irgendwas. Klar kann man Medien kritisieren, bitte gern, ich lebe ja auch davon, über Tonlagen zu stolpern und mich dabei intellektuell zu räuspern. Aber auf ein Nachrichtenformat zu schießen, weil es das macht, was Politik jahrelang nicht gemacht hat – nämlich Öffentlichkeit herstellen, Fragen stellen, Druck erzeugen –, ist nicht nur unerquicklich, es ist auch eine bequeme Verschiebung. Das ist wie den Rauchmelder anzubrüllen, weil es in der Küche brennt. Der Rauchmelder ist nicht das Problem. Der Rauch ist das Problem. Und der Herd, den man angelassen hat, weil man dachte: Wird schon.</p>



<p>Denn wenn wir ehrlich sind (und ich meine dieses „ehrlich“, das kurz weh tut, aber nicht lange), geht es doch um etwas anderes: um Verantwortung. Die Politik hat KI lange behandelt wie eine Mischung aus Standortchance und Science-Fiction, irgendwo zwischen „Deutschland muss mitspielen“ und „wir wollen nicht überregulieren“ – und dieses „nicht überregulieren“ klingt immer so vernünftig, bis man merkt, dass es in der Praxis oft heißt: lieber gar nicht regulieren, damit niemand sauer ist. Währenddessen rollten die Anwendungen rein: Textgeneratoren, Bildgeneratoren, Entscheidungsmodelle in Behörden und Unternehmen, Deepfakes, automatisierte Bewertungssysteme, all das Zeug, das in drei Klicks charmant wirkt und in drei Jahren strukturell wird. Und strukturell heißt: Es setzt sich fest, es verteilt Macht neu, es schafft Abhängigkeiten, es frisst sich in Arbeitsprozesse, Bildung, Recht, Öffentlichkeit. Nicht mit einem großen Knall, sondern mit tausend kleinen Bequemlichkeiten.</p>



<p>Und jetzt, wo man merkt, dass das nicht einfach nur „ein Tool“ ist, sondern ein Infrastrukturthema – wie Strom, wie Geld, wie Aufmerksamkeit –, wird die Debatte plötzlich aggressiv. Aber nicht aggressiv gegen die, die wirklich die großen Hebel haben (Plattformen, Datenzugänge, Rechenkapazitäten, Lobbystrukturen, geopolitische Interessen), sondern aggressiv gegen den jeweils nächstgelegenen Gegner, der sich gut anschreien lässt: ein Sender, ein Beitrag, ein Gesicht im Studio. Das ist traurig, weil es so durchsichtig ist. Es ist der Versuch, aus einem politischen Versäumnis eine ästhetische Meinungsverschiedenheit zu machen: „Nicht die Sache ist falsch, nur die Darstellung.“ Ach so. Dann ist ja alles gut, wenn wir die Bauchbinde netter formulieren.</p>



<p>Dabei wäre die eigentliche Erwachsenenversion dieser Debatte: zuzugeben, dass man zu spät dran ist, und trotzdem jetzt sauber nachzuziehen – mit Regeln, die nicht nur auf dem Papier existieren, mit Zuständigkeiten, die nicht im föderalen Nebel verdampfen, mit Ressourcen für Aufsicht und Durchsetzung (ja, kostet Geld, Überraschung), mit Klarheit darüber, was wir schützen wollen: Rechte, Transparenz, Fairness, demokratische Öffentlichkeit. Und dann könnte man immer noch das Heute Journal kritisieren, meinetwegen, das gehört zum Spiel. Aber zuerst sollte man den Blick dahin richten, wo er wehtut: auf die politischen Jahre, in denen man KI entweder als PR-Glossarwort benutzt oder als Zukunftsmusik vertagt hat – und jetzt so tut, als sei der unangenehme Teil plötzlich aus dem Fernsehen gekrochen.</p>
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		<title>Acht Prozent Hoffnung, zwölf Prozent Freikauf und dazwischen wir Produzenten, die wieder rechnen müssen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[mimede]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 05 Feb 2026 16:00:08 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Ich sitze in dieser Branche ja in so einer klassischen Zwischenposition: nicht Produzent (also nicht der Mensch, der nachts um halb drei noch mit Banken, Bürgschaften und dem „Kannst du das bitte bis morgen unterschreiben“-Universum ringt), aber nah genug dran, um zu sehen, wie schnell aus „Wir drehen in Deutschland“ ein „Wir drehen doch lieber [&#8230;]]]></description>
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<p>Ich sitze in dieser Branche ja in so einer klassischen Zwischenposition: nicht Produzent (also nicht der Mensch, der nachts um halb drei noch mit Banken, Bürgschaften und dem „Kannst du das bitte bis morgen unterschreiben“-Universum ringt), aber nah genug dran, um zu sehen, wie schnell aus „Wir drehen in Deutschland“ ein „Wir drehen doch lieber in Prag“ wird, sobald jemand im Finanztab eine Spalte umsortiert. Und wenn man lange genug in diesem Biotop aus Senderlogik, Streamer-Metriken, Förderanträgen und dem ewigen „Content“ (als wäre ein Film ein Joghurt) unterwegs ist, dann entwickelt man ein feines Ohr für Wörter wie „Durchbruch“, „Paket“, „Booster“. Ich will die Euphorie nicht wegmoderieren, wirklich nicht – ich bin pro Produzent, pro Filmwirtschaft, pro Standort, und ich habe keine romantische Sehnsucht nach dem leeren Atelier, sondern nach vollen Drehplänen. Aber genau deshalb schaue ich auf diese Filmförderreform und speziell auf die Eckpunkte zur Investitionsverpflichtung mit diesem gemischten Gefühl, das man sonst von Koalitionskompromissen kennt: Man erkennt die Richtung, man ahnt die Falltüren, und man weiß, dass die eigentliche Musik erst anfängt, wenn das Ganze „in Gesetz gegossen“ wird. Denn was da jetzt als Kompromiss beschrieben wird, ist im Kern eine gesetzliche Pflicht mit einem Opt-Out-Modell – Minimum acht Prozent vom in Deutschland erzielten Netto-Umsatz, dazu Subquoten (unter anderem 60 Prozent für neue europäische Werke, plus weitere Verteilregeln Richtung unabhängige Produzenten, deutschsprachige Originale, „deutsche kulturelle Prägung“) und gleichzeitig die Möglichkeit, sich ab einer freiwilligen Zusage von mehr als zwölf Prozent aus den strikten Detailregeln „freizukaufen“. Das klingt erstmal nach: Endlich passiert was. Und ja: Endlich passiert was. Nur ist „endlich“ im Medienrecht leider oft der Moment, in dem alle anfangen, kreativ zu werden – nicht im künstlerischen Sinn, sondern im buchhalterischen.</p>



<p>Das Gute zuerst: Eine Investitionsverpflichtung ist kein exotisches Hobby deutscher Kulturpolitik, sondern im europäischen Rahmen angelegt – die AVMSD lässt nationale Finanzierungsverpflichtungen für VoD-Dienste zu, und etliche Länder nutzen diese Spielräume längst, in sehr unterschiedlichen Modellen. Dass Deutschland überhaupt an den Punkt kommt, eine gesetzliche Grundlage zu schaffen, ist deshalb grundsätzlich richtig, auch weil es diese Fairness-Frage endlich konkret beantwortet: Wer hier Umsätze macht, soll systematisch etwas zurück in die Produktion geben, und zwar nicht als PR-Wohlfühlprogramm, sondern als verlässliche Struktur. Genau dieses Wort „verlässlich“ ist für Produzenten nicht Deko, sondern Luft zum Atmen – weil man damit rechnen kann, weil man vorfinanzieren kann, weil man Personal halten kann, weil man nicht jedes Jahr neu verhandelt, ob die Branche jetzt gerade „Strategiefokus“ ist oder wieder „Kostenblock“. Und dass parallel die Verdopplung bzw. deutliche Aufstockung der Standortförderung („Filmbooster“ bis 250 Mio. Euro jährlich) politisch an diese Investitionsverpflichtung gekoppelt wird, ist aus Regierungssicht zwar ein ziemlich harter Hebel, aus Branchensicht aber immerhin ein Signal: Standortpolitik soll nicht nur Slogan sein, sondern Budget. Wenn Kulturstaatsminister und Finanzminister das als Arbeitsplätze, Wertschöpfung und internationale Wettbewerbsfähigkeit rahmen, ist das nicht falsch und es ist auch eine seltene Konstellation, in der Kultur- und Finanzlogik mal kurz dieselbe Sprache sprechen.</p>



<p>Nur: Der Teufel wohnt bekanntlich nicht im Detail, sondern betreibt dort gleich ein Coworking-Space mit Kaffee-Flatrate. Denn dieses Opt-Out ist der Punkt, an dem aus „Pflicht“ plötzlich „Pitch“ werden kann. Wenn ich mich mit einer Zusage über zwölf Prozent aus den strikten Regeln rausverhandeln darf, dann hängt in der Praxis alles daran, wie diese Zusagen aussehen, wie verbindlich sie sind, wie überprüfbar, wie sanktionierbar und worauf sie sich anrechnen lassen. DWDL schreibt zum Beispiel, dass noch nicht klar ist, welche Investitionen (zum Beispiel Infrastruktur) angerechnet werden können, und dass der Sanktionsmechanismus noch nicht ausdefiniert ist. Genau an dieser Stelle wird die Branche nervös, und zwar zu Recht: Wenn „Investition“ am Ende auch heißt, dass irgendein internationaler Player seine ohnehin geplanten Technik-Upgrades, Marketing-Pakete oder Plattformmaßnahmen in einen Topf werfen darf, dann haben wir zwar Zahlen auf dem Papier, aber nicht automatisch mehr unabhängige Produktion, nicht automatisch bessere Budgets, nicht automatisch kreative Risiken. Und noch etwas, was im Text fast beiläufig fällt, aber für den Standort wirklich zentral ist: Europarechtlich geht offenbar keine Pflicht, in Deutschland zu investieren; es kann also theoretisch auch irgendwo in Europa passieren, und Deutschland kann nur „Anreize“ setzen. Das ist nicht trivial, das ist die ganze Schlacht. Weil die Frage nicht lautet „Europa ja oder nein“, sondern: Wie verhindert man, dass Deutschland am Ende das Land ist, das brav reguliert, während die tatsächliche Wertschöpfung (Drehtage, Gewerke, Post, VFX, Ausbildungsketten) woanders landet, weil dort die Kombination aus Steueranreiz, Förderlogik und Geschwindigkeit besser funktioniert? Ich sage das nicht als nationalistisches Gezeter, sondern als jemand, der schon zu viele Crew-Leute hat ausweichen sehen, weil Kontinuität in Deutschland so oft nach Projektende einfach abreißt.</p>



<p>Und dann ist da noch der Punkt, der in diesen Reformdebatten gern als moralisches Beiwerk behandelt wird, für Produzenten aber Existenzfrage ist: Rechte. In der Einigung ist von Regelungen zur Rechteteilung, Rechterückfallmechanismen und „fairer“ Beteiligung unabhängiger Produzenten die Rede. Das ist der Kern dessen, was im Alltag darüber entscheidet, ob eine Produktionsfirma über Jahre eine Bibliothek aufbauen kann oder ob sie nach jedem Erfolg wieder bei Null anfängt, weil alles weg-bought wurde. Gerade die Diskussion um ein Investitionsverpflichtungsgesetz „mit Rechterückbehalt“ zeigt ja, wie groß die Angst ist, dass am Ende aus dem schönen Wort „Investition“ ein Ausverkauf wird – ein bisschen Geld jetzt, aber die Wertschöpfung der nächsten Jahre ist weg. Ich bin da ziemlich eindeutig: Wenn der Staat schon einen Rahmen schafft, der Streamer und Sender zu mehr Einsatz verpflichtet, dann muss er gleichzeitig dafür sorgen, dass unabhängige Produktion nicht nur als ausführender Dienstleister endet, sondern als Unternehmer im eigenen Werk. Sonst wird’s eine Branche, die immer „mehr Content“ liefern darf, aber nie „mehr Substanz“ besitzt. Und ja, ich weiß, dass Sender und Streamer das anders erzählen, weil ihr Geschäftsmodell eben Reichweite und Exklusivität ist, aber genau deshalb braucht es Politik: nicht um „in Geschäftsmodelle einzugreifen“ (dieser Satz ist immer die Beschwörungsformel), sondern um Marktasymmetrien zu korrigieren, die längst real sind.</p>



<p>Was mich an der aktuellen Konstruktion am meisten beschäftigt, ist diese gefährliche Mischung aus guter Absicht und potenzieller Ausweichroute. Acht Prozent Minimum klingt nach Unterkante, und es ist immerhin an Umsätze gekoppelt – was bedeutet: Wenn Streaming-Umsätze steigen, steigt der Beitrag mit. Das ist klug, weil es das „Wir haben einmal was versprochen und dann nie wieder“-Problem abräumt. Aber Opt-Out heißt eben auch: Wir schaffen eine zweite Realität neben dem Gesetz, in der „freiwillige Selbstverpflichtungen“ zur entscheidenden Währung werden. Und freiwillig ist in dieser Branche ein sehr spezielles Wort; es bedeutet meistens: freiwillig, bis die nächste Quartalszahl kommt. Wenn es politisch wirklich ein „Durchbruch“ sein soll (dieses Wort fällt ja immer dann, wenn vorher sehr lange nichts ging), dann braucht es nicht nur einen Kabinettsbeschluss vor Ostern, sondern einen Mechanismus, der im Alltag funktioniert: klare Definition dessen, was zählt; transparente Kontrolle; Sanktionen, die nicht nur „Ersatzzahlungen“ als weiches Kissen sind, sondern echte Steuerungswirkung haben. Sonst wird das Gesetz zur Bühne, auf der alle einmal kurz applaudieren, und danach spielt wieder die alte Band: viel Risiko bei Produzenten, viel Entscheidungsmacht bei Plattformen, und die öffentliche Hand darf die Lücken stopfen.</p>



<p>Ich will das nicht kaputtreden, ich will es brauchbar reden. Für mich wäre die Reform dann pro Filmwirtschaft, wenn sie drei Dinge gleichzeitig schafft – und das ist keine Wunschliste aus dem Elfenbeinturm, das ist schlicht Produktionsrealität: erstens Planbarkeit über Jahre, nicht über Legislaturperioden hinweg in Pressemitteilungen (dazu gehört die überjährige Sicherung der Standortmittel, die jetzt angekündigt ist). Zweitens ein Investitionsbegriff, der nicht zum Staubsaugerbeutel wird, in den man alles reinwirft, was man ohnehin gemacht hätte – Produktion und Entwicklung müssen im Zentrum stehen, nicht Infrastruktur-PR. Drittens eine Rechtearchitektur, die unabhängige Produzenten nicht als „Kostenstelle“ behandelt, sondern als Wertschöpfungszentrum, mit Rückfallmechanismen, fairer Teilung und einer Praxis, die nicht jede Verhandlung als Ausnahmezustand führt. Und ja, ich weiß, das klingt, als würde ich am Ende doch wie ein Produzent sprechen, aber vielleicht ist das genau der Punkt: Wenn du lange genug in der Film- und Fernsehlandschaft mitläufst, merkst du, dass Produzenten nicht „die da oben“ sind, sondern das Gelenk, an dem alles hängt. Wenn dieses Gelenk kaputtgespart, kaputtverhandelt oder kaputtreguliert wird, dann helfen uns weder Quoten noch Booster noch Sonntagsreden. Dann haben wir irgendwann ganz viele „Formate“, aber immer weniger Filme, die bleiben. Und das wäre, bei allem Ironieschutz, wirklich schade.</p>
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		<title>Keine Show, kein Drama, nur Machtwechsel: Haseloff macht’s deutsch.</title>
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		<dc:creator><![CDATA[mimede]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 29 Jan 2026 09:15:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kommunalpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Haseloff]]></category>
		<category><![CDATA[Ministerpräsident]]></category>
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					<description><![CDATA[Es gibt Politiker, die gehen, indem sie gehen, und es gibt Politiker, die gehen, indem sie vorher noch schnell erklären, dass sie eigentlich gar nicht gehen, sondern nur anders da sind – und bei Reiner Haseloff passt, auf eine fast rührend altmodische Art, beides gleichzeitig, weil er seinen Rücktritt am 27. Januar 2026 eben nicht [&#8230;]]]></description>
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<p>Es gibt Politiker, die gehen, indem sie gehen, und es gibt Politiker, die gehen, indem sie vorher noch schnell erklären, dass sie eigentlich gar nicht gehen, sondern nur anders da sind – und bei Reiner Haseloff passt, auf eine fast rührend altmodische Art, beides gleichzeitig, weil er seinen Rücktritt am 27. Januar 2026 eben nicht als dramatischen Abgang inszenierte, sondern als Übergabe, als Stabwechsel in der Staatskanzlei, als „Das Leben geht weiter“ in Anzug, nur dass hinter diesem Satz ja ein ganzes Jahrzehnt steht, plus ein bisschen, diese sachsen-anhaltische Langstrecke, die selten glamourös ist und gerade deshalb so viel über Politik verrät. Haseloff war seit 2011 Ministerpräsident, dienstältester im Land, was in Deutschland ungefähr so wirkt wie „längst im Fitnessstudio angemeldet“: man hat Respekt vor der Disziplin, fragt sich aber auch, wie oft man dafür auf Dinge verzichtet hat, die andere Menschen „Freitagabend“ nennen. Und jetzt also Sven Schulze, CDU-Landeschef und Wirtschaftsminister. Vor der Landtagswahl am 6. September ist er nicht nur Kandidat, sondern auch schon im Amt, hat Zugriff, Bühne, dieses „Regierungsbonus“-Ding, das in der Theorie immer größer ist als im echten Leben, wo die Leute ihre Miete zahlen und dann erst über Koalitionen nachdenken, wenn überhaupt.</p>



<p>Ich merke, wie ich bei Haseloff automatisch in diesen Modus rutsche: der Mann als Stabilitätsversprechen, als jemand, der nicht schreit, sondern abwägt, der nicht twittert, sondern telefoniert, der in einer Zeit, in der Politik ständig so tut, als sei sie eine Reality-Show (mit sehr teuren Kulissen), plötzlich wie das Gegenteil wirkt: wie Verwaltung mit Herzschlag. Und ja, das ist ein Kompliment, auch wenn es sich für manche nach Beleidigung anhört, weil Verwaltung in Deutschland ja gern als Schimpfwort benutzt wird, dabei ist sie manchmal die dünne, aber entscheidende Schicht zwischen „Das geht doch so nicht“ und „Okay, dann machen wir’s halt trotzdem“. Haseloff hat dieses Land durch Konstellationen geführt, die man nicht aus Jux baut – von Schwarz-Rot bis zur Kenia-Koalition, später dann Deutschland-Koalition – und wer einmal versucht hat, drei Parteien in einem Bundesland in dieselbe Richtung zu bewegen, weiß: Das ist weniger „Vision“ als „Nerven“, und Nerven sind in der Politik eine Währung, die nicht auf Wahlplakaten steht. Dass Friedrich Merz ihm öffentlich sagt „Du wirst mir fehlen“, ist in dieser Republik schon fast eine Umarmung im Plenum, und zugleich sagt es etwas über Haseloffs Rolle: verlässlicher Partner, moderater Ton, jemand, der nicht jeden Konflikt gewinnt, aber viele Konflikte klein hält, bevor sie groß werden.</p>



<p>Natürlich wäre ein Nachruf (politisch, nicht biografisch, wir leben ja alle noch) gelogen, wenn er so täte, als sei das alles nur glatt, freundlich, staatstragend gewesen, als hätte Haseloff einfach nur geschniegelt den Landesvater gegeben und dabei die AfD mit Blicken wegmoderiert. Gerade Sachsen-Anhalt ist ja seit Jahren ein Ort, an dem deutsche Gegenwart besonders laut klappert: Strukturbruch und Strukturstolz, Wegzug und Trotz, Weltoffenheit und Müdigkeit, dieses ständige Gefühl, man müsse sich erklären – nach Westen, nach Berlin, manchmal sogar vor sich selbst. Und Haseloff stand mittendrin und hat, das muss man ihm lassen, die AfD nicht als „Rand“ behandelt, sondern als reale Gefahr für die demokratische Statik; er hat das in Interviews teilweise so zugespitzt, dass es fast nach Verzweiflung klang, als wäre Politik plötzlich wieder existenziell und nicht nur ein Spiel um Prozentpunkte. Gleichzeitig hatte er Momente, in denen sein Krisenmanagement wie ein sehr deutscher Reflex wirkte: lieber den Deckel drauf, bevor es knallt, selbst wenn man damit die Debatte verschiebt statt löst – man erinnere sich an die Rundfunkbeitragskrise 2020, dieses toxische Gemisch aus Koalitionsstreit, AfD-Mehrheitsarithmetik und dem unangenehmen Verdacht, dass man am Ende nicht mehr sauber unterscheiden kann zwischen „taktisch“ und „prinzipiell“. Und auch in der Flüchtlingsdebatte gab es bei ihm diese CDU-typische Bewegung: nicht Krawall, aber das Bedürfnis nach Begrenzung, nach Ordnung, nach einer Obergrenze, die dann bitte die Länder regeln sollen – eine Idee, die pragmatisch klingt, aber in der Realität vor allem zeigt, wie sehr Politik manchmal versucht, moralische Konflikte in Zuständigkeiten zu übersetzen. Das ist der kleine Schatten im Bild: Haseloff war oft der Mann, der Schlimmeres verhindert, aber weniger der Mann, der das Bessere erfindet.</p>



<p>Wobei: Vielleicht ist genau das seine unterschätzte Qualität, dieses „Bessere erfinden“ nicht mit dem großen Marker auf der Flipchart zu versprechen, sondern in kleinen, schmutzigen, unsexy Schritten zu machen, die später niemand mehr sieht, weil sie dann halt einfach funktionieren. Wenn ich an Haseloffs Amtszeit denke, denke ich nicht an einen einzigen großen Moment, der wie eine Netflix-Staffel endet, sondern an eine ganze Reihe von Situationen, in denen man in Deutschland plötzlich wieder merkte, wie fragil Normalität ist: die Euro- und Nach-Euro-Jahre, die ständige Ost-West-Reibung im politischen Betrieb, die Pandemie, Koalitionskrach, die Dauerfrage AfD, das permanente „Wie hält man die Mitte zusammen, ohne sie tot zu umarmen“, und dann immer wieder dieses Sachsen-Anhalt-spezifische Ringen um Investitionen, um Nachwuchs, um Schulen, um Ärzte, um Bahnhöfe, um das Gefühl, nicht nur Kulisse für Debatten aus Berlin zu sein (und ja, ich höre mich dabei selbst, wie ich diese Liste runterbete, als würde ich damit beweisen, dass ich das Land kenne, dabei ist es eher das Gegenteil: Ich mache die Liste, weil ich weiß, dass ich vieles eben nicht täglich lebe). In solchen Lagen war Haseloff selten der, der die größte Pointe liefert, aber oft der, der am Ende noch im Raum ist, wenn die Pointe längst verpufft ist – und das ist, gerade heutzutage, ein ziemlich modernes Talent.</p>



<p>Und jetzt hat er abgegeben, nicht erst zur Wahl, sondern vorher, bewusst, kalkuliert, mit dem Argument der Kontinuität in „unruhigen Zeiten“, und das klingt einerseits wie PR, andererseits aber auch wie ein Mann, der wirklich verstanden hat, dass sich Demokratie manchmal nicht in Sätzen verteidigt, sondern in Abläufen, in Übergaben, in dem simplen Akt, Macht geordnet weiterzugeben. Die Koalition aus CDU, SPD und FDP hat dem Wechsel zugestimmt, die Opposition mokiert sich erwartbar über „Taktik“, und irgendwo dazwischen steht Sven Schulze und bekommt ein Amt, das nicht nur ein Job ist, sondern ein Klima: Haseloffs Nüchternheit, sein leiser Ton, seine Art, mit dem Osten nicht als Pose, sondern als Biografie umzugehen – das erbt man nicht automatisch mit dem Schlüssel zur Staatskanzlei. Ich wünsche Schulze, ganz unironisch, dass er begreift, wie viel in diesem Bundesland davon abhängt, dass man nicht ständig die Leute belehrt, sondern ihnen zuhört, ohne sofort einen Slogan draus zu machen. Und Haseloff? Der kann jetzt tatsächlich das machen, was so viele Politiker in Abschiedsreden versprechen und dann doch nicht schaffen: ein bisschen Privatleben, ohne gleich als „weg“ zu gelten. „Ich bin nicht weg“, soll er gesagt haben – und ja, natürlich ist das auch ein Satz für die Geschichtsbücher im Kleinen, weil er zeigt, wie schwer es einem fällt, loszulassen, wenn man so lange gehalten hat.</p>
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		<title>„Synergie“ für die Akte, Mehrarbeit für die Schule</title>
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		<dc:creator><![CDATA[mimede]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 26 Jan 2026 09:14:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kommunalpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzen]]></category>
		<category><![CDATA[Prüfauftrag]]></category>
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		<category><![CDATA[Schule]]></category>
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					<description><![CDATA[Wenn man dieses Papier liest, merkt man schnell: Es ist nicht der große politische Roman, eher so ein Verwaltungs-Workoutplan, „Prüfaufträge“ genannt, damit es nach Denken klingt, ohne schon eine Entscheidung zu sein. Und ja, ich weiß, das ist das Standardritual: erst prüfen, dann berichten, dann „Zielbild“, dann „Zwischenbericht“, dann irgendwann eine PowerPoint, die so tut, [&#8230;]]]></description>
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<p>Wenn man dieses Papier liest, merkt man schnell: Es ist nicht der große politische Roman, eher so ein Verwaltungs-Workoutplan, „Prüfaufträge“ genannt, damit es nach Denken klingt, ohne schon eine Entscheidung zu sein. Und ja, ich weiß, das ist das Standardritual: erst prüfen, dann berichten, dann „Zielbild“, dann „Zwischenbericht“, dann irgendwann eine PowerPoint, die so tut, als wäre sie Realität. Aber genau in dieser Sprache liegt das Problem: Man kann ziemlich viel kaputtmachen, ohne je das Wort „kaputt“ zu benutzen – man sagt dann „Bündelung“, „Konzentration“, „Synergieeffekte“. Und wenn es schiefgeht, war es ja nur ein Prüfauftrag. In Wahrheit ist das hier ein Spar- und Strukturpapier, Beschluss der Staatsregierung vom 20. Januar 2026, und es trägt diesen typischen Geruch von „Wir müssen jetzt mal effizient werden“, den man immer dann riecht, wenn man nicht sagen will: Wir haben ein Finanzproblem und lösen es mit Organisationsgrafiken.</p>



<p>Man kann dem Text sogar ein paar faire Punkte lassen, bevor ich ihn auseinandernehme (ich mache das nicht aus Spaß, obwohl es sich manchmal so liest – ich hätte lieber gar keinen Anlass). Zentralbeschaffung, weniger doppelte IT, weniger Gremien, weniger Beauftragten-Büros, mehr Digitalisierung in Förderverfahren: Alles Dinge, bei denen man erstmal denkt: endlich. Wenn sich 25 Leute in 25 Behörden dieselbe Lizenz kaufen oder 25-mal denselben Prozess nachbauen, ist das nicht föderale Romantik, das ist schlicht teuer. Und wenn Beiräte vor allem Tagungsgeld-Atmosphäre produzieren, dann kann man über „mindestens 50 Prozent abschaffen“ zumindest sprechen. Auch das Ziel, Förderverfahren Ende-zu-Ende zu digitalisieren und Bürokratie zu senken, klingt in der Theorie wie Entlastung – für Verwaltungen, für Antragsteller, für alle, die schon mal nachts um 23:48 Uhr irgendeine Anlage als PDF/A hochladen mussten, weil „das Portal um Mitternacht schließt“. Nur: Das ist die freundliche Seite. Die andere Seite ist: Effizienz wird hier nicht als Mittel verkauft, damit vorne mehr möglich wird, sondern als Geschäftsmodell an sich. Einsparung ist der heimliche Hauptdarsteller, und Bildung wird dabei nicht geschützt, sondern „mitgeprüft“.</p>



<p>Denn sobald das Papier an Schule und Bildung rührt, wird es unangenehm konkret. Da steht nicht „Wir investieren nicht mehr“, da steht: Wir prüfen, wir passen an, wir schärfen, wir entwickeln weiter, und genau diese Verben sind die Vorstufe von: weniger. Was auf dem Rücken der Lehrkräfte landet, ist ziemlich klar: Die Staatsregierung will im Kreis der Länder eine Diskussion anstoßen, die Lehrerverbeamtung gleichzeitig abzuschaffen (Schulleitungen ausgenommen). Das ist nicht nur ein personalpolitischer Stilwechsel, das ist ein Signal: Der Staat, der jahrelang um jede Lehrkraft wirbt, überlegt jetzt, das attraktivste Rekrutierungsinstrument wegzuschieben – in einem Arbeitsmarkt, in dem Lehrkräfte nicht „wünschenswert“, sondern knapp sind. Gleichzeitig wird das Verhältnis von Unterrichtstätigkeit und sonstigen Tätigkeiten „fortlaufend geprüft und bei Vorliegen der Voraussetzungen angepasst“. Übersetzt heißt das im Alltag: Mehr Unterricht, weniger Zeit für Vorbereitung, Gespräche, Förderpläne, Eltern, Konflikte, diese ganze unsichtbare Arbeit, die nicht in Stundenplänen vorkommt, aber die Schule überhaupt erst zu Schule macht. Und wenn dann noch das Schulnetz „weiterentwickelt“ wird, punktuell angepasst, flexibel organisiert – dann sehe ich auf der Landkarte schon die dünnen Linien, die zu Buslinien werden, die ausgedünnt werden, und am Ende heißt es: „Die Kinder können doch fahren.“ Können sie. Nur halt länger. Und müder. Und nicht alle gleich.</p>



<p>Bei den Schülerinnen und Schülern ist das Papier ähnlich „freundlich“ formuliert und trotzdem hart: Ganztag (Schule, Hort, GTA) soll weiterentwickelt werden, mit Verwaltungsvereinfachung, Handlungsspielräumen, Einsparung von SAB-Gebühren und dem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung als Hintergrundmusik. Das kann gut ausgehen, wenn man Ganztag als Bildungs- und Lebensraum versteht, nicht als Aufbewahrungsversprechen. Es kann aber auch genau so enden, wie es in Deutschland oft endet: mehr Anspruch auf dem Papier, weniger Qualität im Raum. Der Rechtsanspruch wird erfüllt, indem man Strukturen umsortiert: rhythmisierter Schulalltag oder Stärkung des Horts, klingt nach Pädagogik, ist aber auch eine Kostenfrage. Und wenn parallel das Landesamt für Schule und Bildung (LaSuB) Standorte und Leitungsbereiche zusammenlegen soll, dann ist das wieder dieses Muster: zentraler, schlanker, weiter weg. Für Bürger heißt das am Ende nicht „Synergie“, sondern: mehr Strecke, längere Zuständigkeiten, schwierigere Erreichbarkeit, weniger Ansprechbarkeit vor Ort. Man kann Verwaltung konzentrieren, klar – nur wird das Problem nicht kleiner, nur weil der Schreibtisch in einem anderen Gebäude steht.</p>



<p>Und dann gibt’s die Stelle, bei der man kurz lachen möchte und sich im selben Moment dafür schämt, weil es eigentlich nicht lustig ist: „preisliche Anpassung des Bildungstickets“. Das ist so ein Satz, der klingt wie „wir ändern da was“, und meint sehr wahrscheinlich: teurer. Für Familien, für Azubis, für Schüler, für alle, die ohnehin schon rechnen, bevor sie zum Monatsende Luft holen. Da wird aus Bildungsteilhabe plötzlich ein Abo-Modell mit Preiserhöhung, und ich kann die Begründung schon hören: Kostensteigerungen, Haushaltslage, Vergleichbarkeit, blabla. Gleichzeitig wird im Sozialbereich geprüft, Schulsozialarbeit in eine pauschale Kommunalförderung zu überführen. Auch das klingt erstmal nach Entbürokratisierung – weniger Anträge, mehr Freiheit. In der Praxis heißt es aber oft: Wenn es pauschal ist, kann man es auch pauschal kürzen, und am Ende konkurriert Schulsozialarbeit mit Schlagloch, Feuerwehr und Turnhallendach. (Spoiler: Schlaglöcher haben bessere Lobby, weil sie sichtbar sind.) Das sind genau die Posten, die man später „bedauerlich“ nennt, wenn die Lage an Schulen kippt – nur dass man dann so tut, als wäre das Wetter schuld gewesen.</p>



<p>Ich will nicht so tun, als wäre jede Strukturreform automatisch böse. Im Gegenteil: Der Staat darf schlanker werden, wenn er dabei nicht die falschen Körperteile amputiert. Aber dieses Papier wirkt, als würde es an den Stellen, wo man wirklich investieren müsste – Personal, Gebäude, Bildungsgerechtigkeit, echte Entlastung – lieber organisatorisch umräumen. Es ist diese Manager-Idee von Fortschritt: Man schiebt Kästchen, bündelt Dienste, reduziert Gremien, zentralisiert Beschaffung; und irgendwann soll sich daraus automatisch mehr Qualität ergeben. Nur passiert Qualität nicht automatisch. Qualität passiert, wenn vorne jemand Zeit hat: Zeit für Unterrichtsvorbereitung, Zeit für individuelle Förderung, Zeit für Konfliktlösung, Zeit für Elternarbeit, Zeit für Projekte, Zeit für Demokratiebildung (die hier zwar auch gestärkt werden soll, was ich ausdrücklich gut finde – nur ist auch das nicht gratis, weder in Geld noch in Köpfen). Wenn man Bildung wie einen Kostenblock behandelt, bekommt man am Ende auch nur das: einen Kostenblock. Und dann wundert man sich, warum die Schule nicht mehr trägt.</p>



<p>Was ich mir wünschen würde – und ja, ich weiß, das klingt jetzt gefährlich nach „Appell“, aber manchmal muss das Leak kurz raus – ist eine klare rote Linie: Sparen ja, aber nicht dort, wo der Staat seine Zukunft baut. Nicht bei Lehrkräften, nicht bei Schulsozialarbeit, nicht bei Ganztagsqualität, nicht beim Ticket, das Teilhabe ermöglicht. Wenn man Beiräte halbiert, meinetwegen; wenn man IT-Dienste bündelt, bitte; wenn man Förderverfahren digitalisiert, sehr gern – aber dann muss der politische Deal lauten: Das freiwerdende Geld und die freiwerdende Zeit werden sichtbar in Bildung reinvestiert, in kleinere Klassen da, wo es brennt, in multiprofessionelle Teams, in Sanierung, in echte Entlastung statt „Anpassung“. Sonst ist das hier keine Modernisierung, sondern eine elegante Sparübung mit sauberem Wording. Und das ist das letzte, was Schule gerade braucht.</p>
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		<title>Pflegeheim in Sachsen: Sterben war noch nie billig.</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Jan 2026 10:12:25 +0000</pubDate>
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<p>Wenn ein Satz anfängt mit „Pflege im Heim wird teurer“, dann klingt das in Deutschland ja immer noch so, als wäre das eine Art Wetterlage: Es zieht auf, nehmen Sie einen Schirm mit, ist halt Januar. Nur dass der Schirm hier 2.986 Euro im Monat kostet, in Sachsen, im ersten Jahr im Heim – also nicht „Luxus-Suite mit Alpenblick“, sondern schlicht ein Platz, an dem jemand gewaschen, versorgt, begleitet wird, weil er’s allein nicht mehr kann. Und ich soll das als normal akzeptieren, als naturgesetzliche Preisbewegung, als „Vorhaben“ halt, das jetzt eben umgesetzt wird? Nee. Ich lehne dieses Vorhaben ab, und zwar nicht aus reflexhaftem „Alles wird teurer“-Dauernörgeln, sondern weil hier ein Kernversprechen kippt: Dass ein Sozialstaat seine alten, kranken Menschen nicht in eine Kostenfalle schickt, während alle Beteiligten so tun, als sei das nur ein Rechenproblem.</p>



<p>Die Zahl in Sachsen ist dabei nicht mal der Ausreißer nach oben, eher die neue Mitte. Zum 1. Januar 2026 ist die Eigenbeteiligung im Freistaat auf diese 2.986 Euro gestiegen, 266 Euro mehr als zu Jahresbeginn 2025. Und ja, man kann sofort einwenden: „Aber je länger man im Heim ist, desto mehr Zuschüsse greifen.“ Stimmt, in Sachsen sinkt die Belastung laut derselben Auswertung im zweiten Jahr auf 2.689 Euro, im dritten auf 2.293 Euro, im vierten auf 1.797 Euro. Nur ist das eine dieser typisch deutschen Trostpflaster-Logiken: Erst wirst du finanziell angeknockt, und wenn du lange genug liegenbleibst, kommt jemand und sagt: Schau, jetzt tut’s weniger weh. Und das Problem ist nicht nur die Höhe, sondern die Zusammensetzung, dieses kleinteilige „Das ist Pflege, das ist Unterkunft und Verpflegung, das sind Investitionen, das sind Ausbildungskosten“ – als würde man einen Absturz in Zeitlupe erklären. Die Eigenbeteiligung besteht aus Unterkunft/Verpflegung, Investitionskosten und pflegebedingten Aufwendungen, wobei bundesweit vor allem Letztere besonders gestiegen sind, unter anderem wegen höherer Personalkosten. Personalkosten, wohlgemerkt, sind nicht der Feind: Wer Pflege will, muss Pflege bezahlen, ordentlich, tariflich, menschenwürdig. Der eigentliche Skandal ist, dass wir diese völlig berechtigte gesellschaftliche Aufgabe so finanzieren, dass sie am Ende als Privatrechnung auf dem Tisch der Betroffenen landet.</p>



<p>Denn die Pflegeversicherung ist im Kern eben keine Vollkasko, sondern eine Konstruktion, die pauschal zahlt und den Rest – die „Spitze“, die nach oben offen ist – bei den Menschen ablädt. Das Bundesgesundheitsministerium beschreibt es sachlich: In der vollstationären Pflege zahlt die Pflegeversicherung pauschale Leistungen für pflegebedingte Aufwendungen (inklusive Betreuung und Behandlungspflege), während Pflegesätze und weitere Kosten in Verhandlungen festgelegt werden. Und selbst dort, wo es Entlastungszuschläge gibt, ist das entscheidende Detail: Bezuschusst wird im Wesentlichen der Eigenanteil an Pflege- und Ausbildungskosten – Unterkunft, Verpflegung und Investitionskosten bleiben weiterhin komplett bei den Heimbewohnenden hängen. Die Staffelung der Zuschläge ist seit 2024 immerhin deutlich verbessert (15/30/50/75 Prozent je nach Aufenthaltsdauer), aber auch das gilt nur auf bestimmte Bestandteile, nicht auf das ganze Paket. Das ist ungefähr so, als würde man sagen: „Keine Sorge, wir übernehmen einen Teil der Reparatur – aber die Miete für die Werkstatt zahlst du weiter voll.“ Und dann wundert man sich, dass Menschen aus Angst vor Kosten den Heimeinzug hinauszögern oder Angehörige sich aufreiben, bis es kippt.</p>



<p>Und jetzt kommt der zweite Teil, der gerne unter „privates Schicksal“ abgeheftet wird, obwohl er längst eine öffentliche Rechnung ist: Wenn Betroffene diese Summen nicht zahlen können, springt die Sozialhilfe ein. Das ist kein Randphänomen. Laut Destatis erhielten im Laufe des Jahres 2024 knapp 432.000 Menschen Hilfe zur Pflege, davon rund 347.000 (also 98 Prozent) im Bereich der stationären Pflege. Und die Ausgaben wachsen: ZDFheute berichtet von Nettoausgaben für Hilfe zur Pflege von 5,3 Milliarden Euro, mit deutlichen Steigerungen. Das bedeutet: Pflege ist aktuell zu teuer für die Betroffenen – und sie ist gleichzeitig zu teuer für den Steuerzahler, weil das System die Rechnung erst privat eskalieren lässt, bis am Ende die Kommunen und Sozialhaushalte die Schäden auffangen. In Thüringen steht laut dpa der Fakt im Raum, dass 2024 fast die Hälfte der Heimbewohner auf Sozialhilfe angewiesen gewesen sei (regional unterschiedlich, aber als Signal ziemlich unerquicklich). Und währenddessen diskutieren wir ernsthaft darüber, ob es „zumutbar“ sei, dass Menschen im Heim eben zahlen müssen, was es kostet. Was für ein Satz: zumutbar. Als wäre Pflege ein Festival-Ticket.</p>



<p>Was mich dabei wirklich kirre macht, ist diese institutionalisierte Zuständigkeitsakrobatik: Jeder zeigt auf jeden, alle haben irgendwie recht, und am Ende hat niemand die Rechnung bezahlt. Ulrike Elsner vom vdek sagt es in einer ZEIT-Meldung ziemlich klar: Pflegebedürftige müssten für Investitions- und Ausbildungskosten aufkommen, die Sache des Staates seien, und die Bundesländer sollten diese Kosten endlich übernehmen. Und wenn man sich anschaut, worüber wir da reden, wird es noch absurder: Das BMG weist in einem Bericht zu Investitionskosten aus, dass umlagefähige Investitionskosten in der vollstationären Dauerpflege im Berichtsjahr 2023 im Schnitt bei 16,08 Euro pro Platz und Tag lagen – je nach Land deutlich unterschiedlich. Das sind Posten, die nicht „Pflege am Menschen“ sind, sondern Gebäude, Ausstattung, Infrastruktur – also Dinge, die politisch planbar und förderbar wären, wenn man es denn wollte, statt sie als versteckte Miete auf die Bewohner umzulegen. Wir haben uns über Jahre daran gewöhnt, dass Pflegeheime wie eine Mischung aus Daseinsvorsorge und Immobilienprodukt funktionieren, irgendwo zwischen Gemeinwohl und Renditeerwartung, und dann tun wir überrascht, wenn es teuer wird. Gleichzeitig wird die Pflegeversicherung mit kurzfristigen Maßnahmen stabilisiert – Darlehen hier, Zuschuss da – aber die strukturelle Frage bleibt liegen: Wer trägt welches Risiko, und warum trägt es ausgerechnet der Mensch, der gerade am wenigsten tragen kann?</p>



<p>Man kann dem entgegen treten, ohne in die übliche „Alles muss billiger“-Falle zu tappen, die am Ende nur auf dem Rücken der Pflegekräfte landet. Erstens, und das ist wirklich der offensichtliche Anfang: Investitions- und Ausbildungskosten gehören konsequent in öffentliche Verantwortung, also Länder (Investitionen) und eine saubere, bundeseinheitliche Finanzierung der Ausbildung, statt diese Posten über Heimrechnungen zu verstecken. Das entlastet sofort die Eigenanteile, ohne eine einzige Pflegeminute wegzukürzen. Zweitens braucht es bei den pflegebedingten Kosten einen Systemwechsel, der seit Jahren diskutiert wird, aber politisch immer so behandelt wird wie ein unangenehmer Zahnarzttermin: der Sockel-Spitze-Tausch. Die Idee ist simpel, fast schon un-deutsch in ihrer Klarheit: Pflegebedürftige zahlen einen festen, gesetzlich definierten Sockelbetrag, und die Pflegeversicherung übernimmt alles darüber hinaus – das Risiko der Kostensteigerungen läge dann bei der Solidargemeinschaft, nicht beim Einzelnen. Drittens muss die Finanzierung breiter werden, sonst bleibt alles Show: Wenn Pflege eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist (und das ist sie), dann ist es schwer zu begründen, warum die Beitragsbasis so eng bleibt. In der Debatte wird genau das gefordert – etwa die Einbeziehung weiterer Einkommensarten wie Kapitalerträge und Mieten in die Beitragsbemessung, um die Last zu verteilen. Wer das „unfair“ findet, darf gern erklären, warum es fair sein soll, dass eine Pflegekraft mit Schichtdienst die steigenden Kosten über Beiträge und Steuern mitträgt, während Vermögenseinkommen elegant vorbeischwimmen. Viertens – und ich sag das nicht als Wellness-Mantra, sondern als harte Kostenlogik – muss Prävention und Rehabilitation so ernst genommen werden, dass Pflegebedürftigkeit später eintritt oder weniger schwer ausfällt. Das BMG selbst betont im „Zukunftspakt Pflege“, dass Prävention ein Schlüssel zur Verringerung bzw. Verzögerung von Pflegebedürftigkeit sein kann, auch wenn die Finanzierungsfrage weiterhin zentral bleibt. Prävention klingt immer nach Broschüre im Wartezimmer, aber in Wahrheit ist es ein Investitionsprogramm: Sturzprophylaxe, Reha, bessere Versorgung chronischer Erkrankungen, niedrigschwellige Hilfen vor dem Heim – das sind keine „nice to haves“, das sind Hebel gegen die Kostenlawine. Und fünftens braucht es Transparenz und Effizienz, nicht als neoliberales Schlagwort, sondern als Schutzschild gegen Verschwendung: weniger Bürokratie in der Abrechnung, klare Qualitäts- und Personalschlüssel, digitale Prozesse, die Zeit für Pflege freischaufeln (und nicht neue Formulare erfinden), sowie eine ehrliche Prüfung, wo in einem System, das mit knappen Fachkräften arbeitet, Geld in Strukturen versickert, statt am Bett anzukommen.</p>



<p>Das alles ist nicht gratis. Aber der Punkt ist: Wir zahlen ohnehin – nur gerade maximal ungerecht und maximal ineffizient. Wir zahlen als Betroffene mit Erspartem, als Angehörige mit Lebenszeit und Nerven, als Steuerzahler mit Sozialhilfeausgaben und kommunalen Haushaltslöchern. Und dann setzen wir uns hin und nennen es „Pflege wird teurer“, als wäre das ein Naturgesetz, dabei ist es eine politische Entscheidung, wie viel Risiko privat bleibt und wie viel solidarisch getragen wird. In einem Land, das gern über Leistung, Verantwortung und „Respekt“ spricht, wäre Respekt vielleicht mal ganz konkret: Dass niemand Angst haben muss, im Alter pflegebedürftig zu werden, weil ihn dann nicht nur der Körper, sondern auch die Rechnung bricht. Sachsen mit fast 3.000 Euro ist kein sächsisches Problem, es ist ein deutscher Lackmustest: Wollen wir Pflege als Daseinsvorsorge oder als Privatinsolvenz mit Bettgitter?</p>
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		<title>Dann halt nur noch ein Staatsfernsehen. Ist ja auch übersichtlicher.</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Jan 2026 12:50:34 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Es gibt diese politische Reflexbewegung, die jedes Mal anspringt, wenn irgendwo „öffentlich-rechtlich“ draufsteht: Man nimmt zwei große Buchstabenpakete, schreibt „Doppelstruktur“ daneben, tut so, als hätte man gerade einen rostigen Motor entdeckt, und sagt dann mit dem Tonfall eines Mannes, der gleich noch den Kühlschrank abtaut: Fusionieren. Und zack, klingt alles nach Ordnung, nach Effizienz, nach [&#8230;]]]></description>
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<p>Es gibt diese politische Reflexbewegung, die jedes Mal anspringt, wenn irgendwo „öffentlich-rechtlich“ draufsteht: Man nimmt zwei große Buchstabenpakete, schreibt „Doppelstruktur“ daneben, tut so, als hätte man gerade einen rostigen Motor entdeckt, und sagt dann mit dem Tonfall eines Mannes, der gleich noch den Kühlschrank abtaut: Fusionieren. Und zack, klingt alles nach Ordnung, nach Effizienz, nach „endlich mal aufräumen“. Genau so wirkt jetzt das gemeinsame Positionspapier der CDU-Fraktionen aus Sachsen und Sachsen-Anhalt, die ernsthaft eine Zusammenlegung der Hauptprogramme von ARD und ZDF fordern, weil „niemand mehrere nationale Nachrichtensendungen zur selben Uhrzeit“ brauche und „niemand zwei Koch- oder Quizsendungen gleichzeitig“. Ich verstehe sogar den Impuls – ich sitze ja auch manchmal da, zappe durch, erwische mich bei diesem leicht genervten &#8222;Ach, schon wieder die gleiche Erklärgrafik, schon wieder der gleiche Studiotisch, nur mit anderer LED-Leiste&#8220;, und dann kommt der kleine Buchhalter in mir hoch, der alles in Spalten denkt. Gleichzeitig ist diese Fusion-Phantasie politisch so etwas wie die Abkürzung durch den Wald, auf der man am Ende im Sumpf steht: Sie reduziert eine komplexe, historisch gewollte, verfassungsrechtlich gerahmte Medienarchitektur auf die Frage, ob ich um 20 Uhr lieber zwei Tagesschaus oder gar keine sehen möchte. Und sie verwechselt &#8222;Gleichzeitigkeit&#8220; mit &#8222;Gleichgültigkeit&#8220;.</p>



<p>Denn dass ARD und ZDF sich manchmal ähneln, ist nicht automatisch ein Fehler, sondern zunächst einmal eine Folge davon, dass beide denselben Auftrag ernst nehmen sollen: Grundversorgung, verlässliche Information, kulturelle Breite, auch Dinge senden, die nicht sofort nach Werbekunden riechen. Die CDU sagt nun, das „ursprüngliche Ziel“, mit der Doppelstruktur Meinungsvielfalt abzubilden, werde „heute nicht mehr erreicht“ und sei angesichts privater und non-linearer Angebote „nicht mehr zeitgemäß“. Das klingt modern, so ein bisschen „Stream-Welt, Baby“, nur steckt darin eine merkwürdige Logik: Weil es heute &#8222;mehr&#8220; Angebote gibt (private Sender, Plattformen, Influencer-News, algorithmische Empörung im Abo), sollen wir ausgerechnet dort zusammenstreichen, wo Vielfalt nicht nur ein Marktprodukt ist, sondern eine demokratische Absicherung. Ich bin wirklich kein Romantiker des linearen Fernsehens (ich habe auch schon zu viele Abende damit verbracht, „nur kurz“ etwas zu gucken und dann in irgendeiner Doku über norwegische Tunnel zu landen), aber die Idee, man könne öffentliche Medien wie Doppelhaushälften zusammenlegen, weil draußen in der Straße ja noch fünf Einfamilienhäuser stehen, ist schief. Gerade in einer Zeit, in der Aufmerksamkeit der härteste Rohstoff ist und sich Wirklichkeit in Feeds zersplittert, ist die Existenz von zwei großen, voneinander unabhängigen öffentlich-rechtlichen Nachrichten- und Programm-Maschinen kein Luxus, sondern Redundanz im besten Sinne: ein Sicherheitsnetz, ein Gegencheck, eine zweite Redaktion, die nicht nur denselben Agenturticker nacherzählt, sondern im Idealfall andere Fragen stellt, andere Schwerpunkte setzt, andere blinde Flecken beleuchtet. Und ja, manchmal machen sie das nicht gut genug, aber die Antwort darauf kann nicht sein, die Zahl der unabhängigen Zentren zu verringern.</p>



<p>Was mich an dem CDU-Vorstoß besonders irritiert, ist dieser moralische Gestus des Sparens, der so tut, als wäre „Fusion“ automatisch „billiger“ und „besser“, wobei gleichzeitig in Sachsen und Sachsen-Anhalt zuletzt genau die konstruktiven Reformschritte blockiert wurden, die das System tatsächlich modernisieren sollten. Man erinnere sich daran, dass eine Reform des Beitragsfestsetzungsverfahrens scheiterte, weil Bayern, Sachsen und Sachsen-Anhalt nicht mitgingen, und dass das Verfahren inzwischen „merkbar funktionsunfähig“ sei. Da wird also erst der Mechanismus torpediert, der Streit und Blockade bei der Finanzierung entschärfen sollte, und dann präsentiert man sich als Aufräumer, der jetzt „große Schritte“ will. Das hat etwas von: erst die Sicherung rausdrehen, dann über den Stromausfall klagen. Wer wirklich sparen will, muss in die langweiligen Zonen rein – Verwaltung, Technik, Immobilien, Gremienstrukturen, doppelte IT-Systeme, parallele Mediathek-Backends, Rechteverwaltung, Einkauf, Distribution –, und ja, da gibt es seit Jahren sinnvolle Ansätze über Kooperationen und gemeinsame Plattformen, auch über stärkere Bündelung innerhalb der ARD, was die CDU ja nebenbei ebenfalls fordert. Nur ist das eben nicht so populär wie der große Satz „ARD und ZDF fusionieren“, der sich herrlich in eine Talkshow legen lässt wie ein nasser Lappen auf die Stirn: &#8222;Schaut, ich mach was gegen den Beitrag&#8220;. Dass dabei vor allem redaktionelle Vielfalt, institutionelle Unabhängigkeit und die produktive Konkurrenz zwischen zwei öffentlich-rechtlichen Marken auf dem Spiel stehen, wird als Kollateralschaden weggelächelt.</p>



<p>Und dann ist da noch der Timing-Geruch, dieser leicht metallische Wahlkampfgeschmack, den man nicht wegmoderieren kann. <a href="https://www.dwdl.de/nachrichten/105223/cdu_in_sachsen_und_sachsenanhalt_will_fusion_von_ard_und_zdf/" data-type="link" data-id="https://www.dwdl.de/nachrichten/105223/cdu_in_sachsen_und_sachsenanhalt_will_fusion_von_ard_und_zdf/">DWDL schreibt in einem Artikel</a> offen, die Forderung könne auch ein populistisches Manöver sein, und verweist auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September, bei der die CDU unter Druck steht. In Umfragen liegt die AfD deutlich vorne, in manchen Szenarien wird über Werte um 40 Prozent gesprochen – also über eine Lage, in der jede Partei versucht, irgendwas „Härteres“ zu sagen als die nächste, weil man glaubt, die Wählerinnen und Wähler würden sonst beim Nachbarn klingeln. In so einem Klima wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk gern zur Projektionsfläche: Man kann ihn gleichzeitig als teuer und als moralisch anstrengend markieren, als „die da oben“ mit Kameras, und man kann sich selbst als Anwalt „der Leute“ inszenieren, die angeblich nur ihre Ruhe wollen. Nur dass Medienpolitik eben nicht nur eine Frage der Ruhe ist, sondern der Resilienz: Wie viele unabhängige, öffentlich kontrollierte, nicht rein marktgetriebene Räume leisten wir uns, damit Debatten nicht komplett von Plattformlogik, Empörungstaktik und Reichweiten-Zufall abhängen? Ausgerechnet in Ostdeutschland, wo Vertrauen in Institutionen ein empfindlicher Wert ist und wo regionale Abbildung mehr ist als Folklore, ist „weniger öffentlich-rechtlich“ keine neutrale technische Entscheidung, sondern ein Signal. Das Bundesverfassungsgericht hat erst im Sommer 2025 noch einmal betont, wie wichtig regionale Organisationseinheiten (Studios, Büros) für regionale Vielfalt sind und dass solche Strukturen im Rahmen der Rundfunkfreiheit eine Rolle spielen. Wenn man also einerseits „die Dritten“ als „wichtigen Garant“ für Vielfalt lobt, und andererseits an einer nationalen Zentralfusion bastelt, die am Ende doch Druck erzeugt, Standorte und Redaktionen zu konzentrieren, dann ist das mindestens widersprüchlich, wahrscheinlich aber einfach das übliche Spiel: Regionalität als Argument behalten, Zentralisierung als Sparversprechen verkaufen.</p>



<p>Ich will dabei gar nicht so tun, als wäre alles super. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat echte Probleme: Vertrauensverluste, Skandale, zu viel Selbstbezug, manchmal diese glatte, auf Nummer-sicher-Moderation, bei der man merkt, wie das Risiko schon im Flur abgegeben wurde. Und ja, es gibt Dopplungen, es gibt Formate, die sich gegenseitig kannibalisieren, und es gibt Abende, an denen man denkt, man habe aus Versehen denselben Sender zweimal eingeschaltet. Nur: Die Lösung ist nicht, zwei Anstalten zu einer zu verschmelzen, sondern ihre Stärken klarer zu unterscheiden und ihre Zusammenarbeit dort zu erzwingen, wo sie niemandem wehtut. Man könnte Dinge bündeln, die nicht „Meinungsvielfalt“ sind, sondern Infrastruktur: gemeinsame Technikstandards, ein gemeinsames Login- und Empfehlungssystem für Mediatheken, gemeinsamer Einkauf von Lizenzen, eine geteilte Auslandsproduktion dort, wo es nicht um Deutungshoheit, sondern um Präsenz geht, dazu harte Transparenzregeln, schlankere Führungsebenen, weniger Parallel-PR, weniger Gremienfolklore, mehr nachvollziehbare Kennzahlen, die nicht nur Reichweite messen, sondern Wirkung im Auftrag. Und gleichzeitig müsste man das bewahren, was in der politischen Debatte immer so schnell als „Doppelung“ diffamiert wird, obwohl es in Wahrheit ein demokratisches Prinzip ist: zwei große, voneinander unabhängige Redaktionen, zwei unterschiedliche institutionelle Kulturen, zwei Marken, die sich gegenseitig prüfen, anspornen, manchmal ärgern . Also genau so wie es im dualen System gedacht ist, in dem der öffentlich-rechtliche Rundfunk die Grundversorgung absichert, gerade weil der Markt Vielfalt nicht automatisch garantiert.</p>



<p>Vielleicht ist das am Ende mein Hauptproblem mit dieser CDU-Idee: Sie klingt nach Management, ist aber eigentlich Messaging. Sie spielt „Sparen“ gegen „Vielfalt“ aus, obwohl man beides zusammen denken müsste; sie tut so, als wären ARD und ZDF bloß zwei Versionen desselben Produkts, obwohl sie historisch und strukturell unterschiedliche Antworten auf dieselbe demokratische Frage sind; und sie unterschätzt, wie schnell eine Fusion, die angeblich nur „Programme zusammenlegt“, in der Praxis eine Macht- und Standortfrage wird, bei der am Ende nicht nur Kochsendungen verschwinden, sondern Stimmen, Milieus, Perspektiven. Ich will nicht, dass öffentlich-rechtlich unantastbar ist. Im Gegenteil, ich will, dass es angreifbar ist, kritisierbar, reformierbar, und zwar so, dass es besser wird. Nur ist „ARD und ZDF zu einem machen“ keine Reform, sondern eine Vereinfachung, die sich gut anfühlt wie ein aufgeräumter Desktop, während im Hintergrund die wichtigen Ordner verschwinden. Und wenn wir in einem Jahr wie 2026, mit Landtagswahlen, mit Parteien, die am liebsten jede Institution delegitimieren würden, mit einem Diskurs, der schneller eskaliert als er nachdenkt, freiwillig die Zahl unserer unabhängigen öffentlichen Leuchttürme halbieren, dann ist das keine Modernisierung, sondern ein Risiko – eines, das sich erst bemerkbar macht, wenn es zu spät ist, und dann sagt wieder jeder: &#8222;Das konnte ja keiner ahnen.&#8220;</p>
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		<title>Warten auf die Filmförderreform (und draußen geht der Standort verloren)</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Jan 2026 09:11:27 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Ich habe langsam das Gefühl, diese Filmförderreform ist weniger ein politisches Projekt als ein deutsches Lebensgefühl: Man kündigt groß an, man setzt Arbeitsgruppen auf, man lädt die Branche zum Gespräch, man nickt verständnisvoll, und am Ende bleibt vor allem dieses zähe „Wir sind dran“, das klingt wie ein Paketdienst-Status kurz vor Weihnachten – nur dass [&#8230;]]]></description>
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<p>Ich habe langsam das Gefühl, diese Filmförderreform ist weniger ein politisches Projekt als ein deutsches Lebensgefühl: Man kündigt groß an, man setzt Arbeitsgruppen auf, man lädt die Branche zum Gespräch, man nickt verständnisvoll, und am Ende bleibt vor allem dieses zähe „Wir sind dran“, das klingt wie ein Paketdienst-Status kurz vor Weihnachten – nur dass hier nicht ein Pullover zu spät kommt, sondern die Planbarkeit einer ganzen Industrie. Seit Jahren wartet die Branche auf eine Reform, die nicht nur am System herumoptimiert, sondern es wieder funktionsfähig macht, und Wolfram Weimer hatte ziemlich klar signalisiert: Ich liefere. Nur ist „liefern“ in Berlin ein dehnbarer Begriff, der manchmal eher „in Aussicht stellen“ bedeutet, und genau da sitzt gerade der Schmerzpunkt: Es gibt Bewegung, aber noch keinen Durchbruch, und jeder Tag ohne Entscheidung ist in der Produktionsrealität nicht neutral, sondern eine kleine Erosion. Weniger Aufträge, mehr Abwanderung, mehr Misstrauen, mehr Leute, die sich irgendwann fragen, ob sie nicht besser etwas machen, das nicht von Koalitionsausschüssen abhängt.</p>



<p>Was die Sache so unerquicklich macht, ist diese Mischung aus dringender Notlage und politischem Tempo, das wirkt, als hätte jemand die Uhr falsch eingestellt. Die Ausgangslage ist ja nicht, dass es der Branche „ganz okay“ geht und man jetzt mal in Ruhe modernisieren könnte, sondern dass viele Betriebe in einem Modus laufen, der nach Luftschnappen aussieht. Die Produktionsallianz hat in ihrer Herbstumfrage Zahlen, die man nicht mehr schönreden kann: 85 Prozent der Unternehmen bewerten die wirtschaftliche Lage als schlecht oder sehr schlecht. Das ist kein dramaturgisches Alarmieren, das ist ein klares Signal: Wer jetzt weiter vertagt, entscheidet faktisch auch; nur eben für Stillstand. Und Stillstand ist in diesem Markt nicht „Pause“, sondern Abfluss: Talente gehen dahin, wo gedreht und entwickelt wird, Dienstleister verlieren Volumen, Produktionsfirmen verlieren Kreditwürdigkeit, und am Ende verliert ein Standort etwas, das man später nicht einfach mit einem neuen Fördertopf zurückkauft.</p>



<p>Der aktuelle Knoten heißt Investitionsverpflichtung, und er ist so zentral, weil Weimers Versprechen, eine Verdopplung der bestehenden Filmförderung auf 250 Millionen Euro, politisch an genau diese Frage gekoppelt wurde, und zwar durch das Finanzministerium: Mehr Geld erst dann, wenn Streamingdienste verbindlich zu Investitionen herangezogen werden. Das ist als Hebel nachvollziehbar, aber eben auch riskant, weil man sich damit selbst in Geiselhaft nimmt: Wenn die Verpflichtung nicht kommt, kommt das Geld nicht, und die Branche bleibt im Wartesaal, während draußen das System weiter teurer wird. Gleichzeitig hat Weimer das von vielen Produzenten gewünschte Steueranreizmodell vorerst auf Eis gelegt, also genau das Instrument, das international als relativ direkte Standortwette funktioniert, weil es planbar und automatisiert wirken kann. Stattdessen läuft es gerade auf die Grundfrage hinaus, die so simpel ist, dass sie fast schon peinlich wirkt: Greift der Gesetzgeber ein oder lässt er es. Und wenn er eingreift, wie verbindlich und wie durchsetzbar wird das Ganze, ohne dass es am Ende im Juristischen oder im Europäischen steckenbleibt.</p>



<p>Hier prallen zwei Welten aufeinander, die beide ihre Argumente haben, aber eben auch ihre Eigeninteressen. Über 40 Verbände drängen auf eine gesetzliche Investitionsverpflichtung, die Produktionsallianz treibt das Thema vorneweg, und das ist logisch: Wenn Auftraggeber und Plattformen freiwillig investieren könnten, ohne dass es weh tut, würden sie es längst im gewünschten Umfang tun. Auf der anderen Seite stehen Medienunternehmen und Streamingdienste, die genau diese Verpflichtung ablehnen oder zumindest verwässern wollen, und die wiederum mit Standortlogik argumentieren: Eine reine Umsatzabgabe nach EU-Recht könne am Ende Investitionen irgendwo in Europa anreizen, nicht zwingend in Deutschland, was aus Sicht technischer Betriebe wie dem VTFF zunächst sogar ein Argument gegen eine zu grobe Pflicht war, auch wenn sich der Verband zuletzt offener zeigte, Hauptsache es gilt ab Januar 2026. Das ist der Punkt, an dem Politik zeigen müsste, dass sie nicht nur moderiert, sondern gestaltet: Eine Verpflichtung, die nicht standortwirksam ist, wäre tatsächlich ein Eigentor; eine „Selbstverpflichtung“, die nicht kontrolliert und sanktioniert werden kann, ist aber genauso ein Eigentor, nur eben mit freundlicherem Gesicht.</p>



<p>Und dann kommen die Zahlen, die in dieser Debatte wie Glitzer funktionieren: Man wirft sie in den Raum, sie funkeln kurz, und viele Medien übernehmen sie, weil große Zahlen beruhigen. Diese kolportierten Zusagen von insgesamt rund 15,5 Milliarden Euro Investitionen bis 2030 wirken erst mal wie: okay, Problem erledigt. Nur dass bei genauerem Blick ein großer Teil davon auf öffentlich-rechtliche und private deutsche Anbieter entfällt, die ohnehin jedes Jahr Milliarden in deutsche Inhalte stecken – also auf Geld, das nicht „neu“ ist, sondern in eine neue Erzählung gepackt wird. Im Streaming-Bereich selbst stehen rund 1,83 Milliarden Euro über fünf Jahre im Raum, also etwa 366 Millionen pro Jahr, und genau da wird es unerquicklich, weil die Produktionsallianz sagt: Das ist kaum mehr als das, was laut Studien ohnehin schon investiert wurde, nur dass die Plattformen in der Zeit gewachsen sind und die freiwilligen Zusagen dieses Wachstum nicht abbilden. Das Wort „Mogelpackung“ ist hart, aber man versteht, warum es fällt: Wenn eine Branche am Boden liegt und dann mit Zahlen beruhigt werden soll, die faktisch bloß das Vorhandene anders etikettieren, fühlt sich das nicht nach Partnerschaft an, sondern nach Kommunikationsstrategie.</p>



<p>Und weil man bei all dem gern so tut, als sei „die Branche“ ein homogener Block irgendwo zwischen Köln, München und Berlin-Mitte, lohnt es sich, einmal den Blick ostwärts zu drehen, dahin, wo die Lage oft nicht nur angespannt, sondern strukturell prekär ist, weil dort weniger Puffer existieren, weniger private Netzwerke, weniger große Sender- und Studiocluster, die im Zweifel noch mal eine Brücke bauen, wenn der Fluss anschwillt. Ostdeutschland hängt in dieser Förder- und Auftragsdelle nicht einfach „mit drin“, sondern steht häufig ein Stück weiter draußen im Wind: dünnere Produktionslandschaft, weniger dauerhafte Auftragsketten, stärkere Abhängigkeit von einzelnen Projekten und von öffentlich-rechtlichen Entscheidungen, die sich nicht immer wie ein Stabilitätsanker anfühlen. Wenn dann zusätzlich die allgemeinen Kosten steigen, die Budgets gleichzeitig unter Druck geraten und Streamingplattformen ihre Investitionen eher taktisch als langfristig ausrichten, kippt das in Regionen wie Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen oder Mecklenburg-Vorpommern schneller von „schwierig“ zu „existenzgefährdend“, weil dort ein abgesagter Dreh nicht nur ein verschobenes Projekt ist, sondern oft gleich ein Loch in die lokale Wertschöpfungskette: weniger Drehtage heißt weniger Technik, weniger Maske, weniger Catering, weniger Hotels, weniger Fahrer, weniger Gewerke und damit auch weniger Gründe für junge Leute, überhaupt in diesem Feld zu bleiben, statt nach Berlin, Hamburg oder gleich ins Ausland zu gehen. Das ist dann nicht die große kulturpolitische Erzählung, sondern eine sehr konkrete Gegenwart: Wenn die Reform weiter auf sich warten lässt und die Politik weiter an Bedingungen knüpft, die sie selbst nicht auflöst, entsteht in Ostdeutschland dieses alte, unangenehme Gefühl, wieder nur Zuschauer zu sein, während anderswo entschieden und investiert wird. Und das ist gefährlich, nicht weil es irgendein „Jammer-Ost“-Klischee bestätigt, sondern weil es eine reale Schieflage beschreibt, die sich am Ende auch demokratisch übersetzt: Wer dauerhaft erlebt, dass Versprechen immer nur als Ferngespräch stattfinden, glaubt irgendwann auch nicht mehr an den Nutzen von Gesprächsrunden.</p>



<p>Dass ausgerechnet innerhalb der Regierung wieder Uneinigkeit die Sache ausbremst, ist fast schon eine Pointe, nur leider ohne Humor. Die SPD fordert inzwischen öffentlich eine gesetzliche Regelung und kritisiert Weimers Kurs Richtung Selbstverpflichtung; die Union steht hinter ihm; im Koalitionsausschuss kurz vor Weihnachten war es dann nicht mal das große Thema, und Weimer stellte einen Kompromiss „in wenigen Wochen“ in Aussicht &#8211; diese Formulierung, die in Berlin klingt wie ein Termin und in der Branche wie ein Drohbrief an die eigene Finanzabteilung. Gleichzeitig schwebt über allem die Figur Björn Böhning, früher Produktionsallianz, jetzt Staatssekretär im Finanzministerium unter Lars Klingbeil, und in der Branche glauben nicht wenige, dass hier im Hintergrund politisch sehr bewusst Druck aufgebaut wird, indem man die Erhöhung der Förderung an die Verpflichtung koppelt. Das kann man Strippenzieherei nennen oder strategische Konsequenz; in jedem Fall zeigt es, wie sehr diese Reform zum Machtspiel geworden ist und wie wenig Platz das für die nüchterne Tatsache lässt, dass Betriebe keine Machtspiele finanzieren können.</p>



<p>Kommt es also „endlich“ zu einem Durchbruch? Wenn ich ehrlich bin, sehe ich eher die Möglichkeit eines Durchbruchs als seine Realität. Das Entscheidende wäre nicht, dass man sich irgendwie einigt, sondern worauf: Eine freiwillige Selbstverpflichtung kann funktionieren, wenn sie zwei Dinge hat, die ihr Name normalerweise nicht mitliefert, nämlich Verbindlichkeit und Kontrolle. Ohne messbare Quoten, ohne klare Definition dessen, was als Investition zählt (Entwicklung? Produktion? Marketing? Rechtekäufe?), ohne Transparenzpflicht und ohne Sanktionen ist „Selbstverpflichtung“ eher eine Absichtserklärung mit Ablaufdatum. Und selbst eine gesetzliche Investitionspflicht ist nicht automatisch ein Sieg, wenn sie so konstruiert ist, dass sie zwar Einnahmen generiert, aber nicht in Deutschland wirkt, oder wenn sie so bürokratisch wird, dass am Ende wieder alle in Formularen versinken, statt zu arbeiten. Der Durchbruch wäre deshalb nicht „Gesetz ja/nein“, sondern ein Paket, das gleichzeitig schnell, klar und standortwirksam ist. Das klingt banal, ist aber in diesem Feld die seltenste Kombination.</p>



<p>Im Ausblick, und das ist der Teil, wo man normalerweise sehr großspurig wird: Man könnte es machen, wenn man endlich vom Prinzip Hoffnung auf Prinzip Bauplan umstellt. Erstens braucht es eine verbindliche Investitionsregel, gesetzlich verankert, mit einem klaren Prozentsatz als Zielkorridor und einer Definition, die echte Wertschöpfung in Deutschland begünstigt; also nicht nur „irgendwo in Europa“, sondern an Ausgaben vor Ort gekoppelt, mit einer intelligenten Öffnungsklausel für Fälle, die nachweislich anders nicht gehen. Zweitens braucht es parallel ein Instrument, das international konkurrenzfähig ist und automatisiert funktioniert, damit Produzenten planen können, statt zu betteln; wenn man das Steueranreizmodell politisch nicht sofort will, muss man zumindest eine Übergangslösung schaffen, die nicht erst nach der nächsten Legislatur Wirkung entfaltet. Drittens muss man die Förderlandschaft entschlacken: weniger Gremienromantik, mehr klare Kriterien, feste Fristen, digitale Verfahren, Transparenz darüber, wo Geld hinfließt und was es auslöst. Und viertens – vielleicht der wichtigste Punkt, weil er so unsexy ist – braucht es Planungssicherheit über Jahre, nicht über Pressezyklen: Wer bis Januar 2026 eine neue Regelung will, muss so tun, als wäre dieser Termin real, nicht rhetorisch, und dann alles daran ausrichten, dass die Branche ab dann wieder mit halbwegs normalem Puls arbeiten kann. Das wäre dann tatsächlich ein Durchbruch: nicht die nächste Ankündigung, sondern ein System, das wieder verlässlich trägt.</p>



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		<title>Die leise Krise der Kommunen und was sie Sachsen kostet</title>
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		<pubDate>Fri, 09 Jan 2026 09:12:00 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Finanzierung]]></category>
		<category><![CDATA[Haushalt]]></category>
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					<description><![CDATA[Es gibt Krisen, die machen ein schönes Bild: Sirenen, Mikrofone, irgendwer sagt „wir stehen zusammen“ in eine Kamera, und alle wissen ungefähr, wie sie dazu zu gucken haben. Und dann gibt es diese andere Sorte Krise, die nichts hergibt fürs Abendprogramm, weil sie nicht knallt, sondern sickert – in Kämmererbüros, in Excel-Tabellen, in Sitzungen, wo [&#8230;]]]></description>
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<p>Es gibt Krisen, die machen ein schönes Bild: Sirenen, Mikrofone, irgendwer sagt „wir stehen zusammen“ in eine Kamera, und alle wissen ungefähr, wie sie dazu zu gucken haben. Und dann gibt es diese andere Sorte Krise, die nichts hergibt fürs Abendprogramm, weil sie nicht knallt, sondern sickert – in Kämmererbüros, in Excel-Tabellen, in Sitzungen, wo die Luft irgendwann so dünn wird, dass man schon am Rascheln der Papierstapel merkt: Hier geht gleich nicht mehr „nur“ was schief, hier geht gar nichts mehr. Der Gemeindefinanzbericht Sachsen 2024/2025 beschreibt genau diesen Zustand, und ich merke beim Lesen, wie schnell dieses vermeintlich trockene Zahlenzeug plötzlich eine Story wird, die man eigentlich nicht hören will: Defizite weiten sich aus, nicht weil irgendwo ein paar Leute zu viel Champagner ins Budget geschrieben hätten, sondern weil Pflichtaufgaben, Preissteigerungen und soziale Lasten schneller wachsen als jede noch so disziplinierte Haushaltsführung. Der Sächsische Städte- und Gemeindetag sagt inzwischen offen, was lange hinter routinierten Formeln versteckt wurde: Nach drei Quartalen 2025 stehen die sächsischen Kernhaushalte bei einem Defizit von 1,1 Milliarden Euro, die Lage sei dramatisch, jetzt müsse gehandelt werden. Und wenn ich dann noch jemanden „konjunkturelle Delle“ murmeln höre, klingt das für mich ungefähr so, als würde man bei einem Hausbrand über Zugluft diskutieren – der Bruch ist strukturell, und die Frage ist nicht mehr, ob Kommunen noch ein bisschen weniger nett zu sich selbst sein müssen, sondern ob sie künftig überhaupt noch gestalten oder nur noch abwickeln.</p>



<p>Was mich daran so nervös macht, ist diese Nüchternheit, mit der der Bericht eigentlich nur protokolliert, was politisch seit Jahren passiert: 2024 liegt der Finanzierungssaldo der sächsischen Kommunen im Durchschnitt bei minus 186 Euro je Einwohner. Das ist kein Ausrutscher, das ist ein Signal, so klar wie eine rote Lampe, die keiner ausschaltet, weil man sich an das Rot gewöhnt hat. 2023 war durch befristete Hilfen des Landes noch einmal ein positives Ergebnis möglich, also dieser eine Moment, wo man kurz so tut, als hätte man die Sache im Griff – nur dass die Mechanik dahinter längst weiterläuft: Auf der Ausgabenseite drücken Personal-, Energie-, Sachkosten und Zinsen, auf der Einnahmenseite bleibt vieles fragil, weil Steuerkraft, Demografie und wirtschaftliche Dynamik ungleich verteilt sind. Und hier kommt die politische Zumutung, die im Alltag so gern wegmoderiert wird: Wer in Dresden gern „kommunale Freiheit“ sagt, hat diese Freiheit in der Praxis in ein Korsett aus Pflichtlasten verwandelt, und das Korsett wird enger, während man gleichzeitig erwartet, dass die Kommunen elegant darin tanzen.</p>



<p>Der Kern ist sozialpolitisch – und damit hochpolitisch, egal wie sehr man das Wort „sozial“ manchmal wie einen lästigen Anhang behandelt. Der Bericht zeigt, wie stark die Sozial- und Eingliederungshilfe in Sachsen gewachsen ist, zwischen 2017 und 2022 um 85 Prozent, und für die kommenden Jahre werden weiter hohe Zuwächse erwartet, je nach Leistungsbereich zwischen 6,3 und 7,1 Prozent. Das sind Größenordnungen, die man nicht mit dem Appell „seid halt sparsamer“ weglächeln kann, weil diese Ausgaben oft rechtlich gebunden sind: Ansprüche, Gerichtsurteile, Tarifentwicklungen, gesellschaftliche Realitäten – beschlossen wird vieles oben, bezahlt wird unten. Und dieses „unten“ ist kein romantischer Ort, sondern die Ebene, auf der Jugendhilfe, Pflege, Integration, Teilhabe passieren oder eben nicht passieren, je nachdem, ob am Monatsende noch Luft ist. Gleichzeitig frisst die Gegenwart die Zukunft, und in der kommunalen Welt heißt das ziemlich unpoetisch: Investitionen werden zur Verfügungsmasse der laufenden Krise. Formal investieren sächsische Kommunen 2024 noch 531 Euro je Einwohner, liegen damit aber unter dem Bundesdurchschnitt von 638 Euro je Einwohner und seit 2021 sogar unter allen Vergleichsgruppen – und selbst diese nominalen Summen verlieren durch steigende Baupreise und Kosten real an Wirkung (wer heute eine Schule saniert, bekommt weniger Bauleistung als vor ein paar Jahren; wer es nicht tut, zahlt später mehr, nicht weniger). Dazu kommt, dass Sachsen investive Mittel in die allgemeine Stabilisierung verschiebt, etwa durch die Auflösung eines 300-Millionen-Euro-Vorsorgevermögens und die Umsteuerung von investiven Zuweisungen, flankiert von Investitionspauschalen und Entlastungsmitteln – kurzfristig hilft das, klar, nur ist es eben der gefährliche Tausch: Liquidität jetzt gegen Substanz später. Und als ob das nicht reichen würde, hängt über allem diese wirtschaftliche Großwetterlage, die Kommunen immer doppelt trifft: Wenn Prognosen für 2026 mit mehr Arbeitslosen rechnen, besonders bei jungen Menschen, dann ist das nicht nur eine arbeitsmarktpolitische Meldung, sondern kommunalpolitischer Sprengstoff, weil jede verlorene Ausbildungsbiografie, jede Abwanderung, jede verfestigte Erwerbslosigkeit irgendwann als Rechnung wiederkommt – in höheren Sozialausgaben, mehr Druck auf Jugendhilfe und Qualifizierung, und weniger Spielraum für die Dinge, die man im Sonntagsmodus gern „gesellschaftlichen Zusammenhalt“ nennt, die aber montags ganz konkret sind: Buslinie, Sportverein, Bibliothek, Schwimmbad, Kulturhaus, Ehrenamt.</p>



<p>Und ja, jetzt müsste eigentlich „die Politik“ auftreten, als wäre sie eine Person mit Haltung und Plan, aber realistisch ist Politik hier eher ein Set aus Entscheidungen, Zuständigkeiten und dem Mut, Dinge nicht mehr nur zu vertagen. Was nach einer Antwort klingt, die den Namen verdient, ist deshalb auch kein Zauberspruch, sondern eine ziemlich unglamouröse Liste an Zumutungen – für Land und Bund, nicht für die Kommunen: Erstens braucht Sachsen eine regelgebundene, verlässliche Mitfinanzierung der großen Pflichtaufgaben statt dieses hektischen Sondertopf-Hoppings nach Kassenlage; der Sächsische Städte- und Gemeindetag verlangt das ausdrücklich, und in dieser Sache klingt das nicht nach Lobby, sondern nach Mindestmaß an Statik. Zweitens muss der kommunale Finanzausgleich so reformiert werden, dass er nicht nur Löcher stopft, sondern Planungssicherheit erzeugt, und zwar über Jahre, nicht nur bis zum nächsten Haushalt. Drittens sollte der Bund sich diese Angewohnheit abgewöhnen, neue Rechtsansprüche zu formulieren und die Folgekosten nach unten durchzureichen – wenn kommunale Sozialausgaben in Dimensionen wachsen, die an die Tragfähigkeit gehen, ist das kein lokales Missmanagement, sondern ein föderaler Konstruktionsfehler. Viertens braucht es eine Investitionslogik, die Substanzerhalt priorisiert, mit realen Preisindizes rechnet und Genehmigungs-, Vergabe- und Förderverfahren so entschlackt, dass Geld nicht in Prozessen verdampft, sondern als Bauleistung ankommt. Und schließlich – vielleicht am unerquicklichsten, weil es nicht als Maßnahme durchgeht – politische Ehrlichkeit: Wer kommunale Selbstverwaltung rhetorisch preist, muss sie finanziell ermöglichen, sonst ist sie nur Dekoration mit Wappen. Die Frage ist nicht, ob Sachsen sich starke Kommunen leisten kann. Die Frage ist, ob Sachsen sich schwache Kommunen noch leisten will, ausgerechnet jetzt, wo Vertrauen längst zur knappsten Ressource geworden ist.</p>
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		<title>Gebühren für jeden Arztbesuch</title>
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		<pubDate>Tue, 30 Dec 2025 09:19:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheitspolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Krankenkassen]]></category>
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<p>Wenn jemand wie Andreas Gassen, der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, vorschlägt, für jeden Arztbesuch wieder eine Gebühr einzuführen, dann klingt das auf den ersten Blick nach dieser typisch deutschen Lösung, die sich im Satz schon nach „Ordnung“ und „Vernunft“ anfühlt: drei oder vier Euro, wirklich nicht die Welt, ein kleines Signal, damit die Leute nicht wegen jedem Ziehen im Ellenbogen das Wartezimmer blockieren. Und genau da fängt bei mir dieses unangenehme Kippen an, weil ich merke, wie schnell aus einer scheinbar moderaten Idee etwas wird, das größer ist als der Betrag, den man da an die Rezeption legt. Denn diese Gebühr ist nicht einfach „gesundheitspolitisch“, sie ist ein Symptom: für eine Entfremdung zwischen denen, die solche Sätze sagen können, ohne dabei rot zu werden, und denen, die sie später ausbaden und zwar besonders dort, wo Lebensrealität nicht nach Hauptstadt-Taktung funktioniert, sondern nach Busfahrplan, Rentenbescheid und dem nächsten freien Termin in drei Wochen.</p>



<p>Drei oder vier Euro pro Besuch, heißt es. In einem Milieu, in dem man über „Eigenbeteiligung“ spricht, klingt das wie Kleingeld, aber Kleingeld ist nur dann Kleingeld, wenn man genug anderes Geld hat, um es nicht zählen zu müssen. Gerade in Ostdeutschland, wo Löhne und Renten im Schnitt noch immer niedriger sind als im Westen, wo Altersarmut nicht exotisch, sondern sichtbar ist, und wo medizinische Versorgung oft mit Distanz und Aufwand verbunden bleibt, wirkt so eine Gebühr nicht wie ein Lenkungsinstrument, sondern wie eine zusätzliche Hürde; und zwar ausgerechnet für die, die nicht „zum Arzt gehen“, weil ihnen langweilig ist, sondern weil der Körper ihnen irgendwann die Kündigung schreibt. Wer auf dem Land in Sachsen-Anhalt oder Sachsen lebt, macht keinen spontanen Arztbesuch wie einen Coffee-to-go-Stop; da hängt ein ganzer kleiner Logistikfilm dran: Termin organisieren, Anfahrt klären, Fahrtkosten einplanen, vielleicht jemanden bitten, mitzufahren, Arbeitszeit oder Pflegezeit irgendwie drehen. Und dann soll da am Ende noch ein Preisetikett dran, als wäre Krankheit ein Konsumverhalten, das man mit einem kleinen Obolus abgewöhnt bekommt?</p>



<p>Gassen begründet das klassisch: weniger „unnötige“ Arztbesuche, weniger Kostenexplosion. Das ist die alte Erzählung, die immer dann aus der Schublade kommt, wenn man schnell eine Stellschraube braucht, die sich leicht drehen lässt, weil sie nicht an die mächtigen Zahnräder im System geht, sondern an die Menschen. Und wir hatten das doch schon, bis 2012, mit der Praxisgebühr – als Experiment am lebenden Publikum, nur dass das Publikum keine Pause-Taste hat. Der Effekt war damals nicht, dass plötzlich alle gesundheitsökonomisch erleuchtet durchs Leben gingen, sondern dass manche Arztbesuche aufgeschoben oder ganz vermieden wurden, besonders bei denen, die jeden Euro umdrehen müssen. Das ist nicht nur sozial unerquicklich, das ist medizinisch riskant, weil Verzögerung in vielen Fällen eben nicht „Kosten sparen“ heißt, sondern „später teurer werden“ und im schlimmsten Fall: später schlimmer. Dass man diese Erfahrung heute so behandelt, als wäre sie ein vergessenes Kapitel aus einem alten Koalitionsvertrag, ist bezeichnend, und es ist auch gefährlich, weil es die Realität von Krankheit zu einem moralischen Problem umdeutet: Wer geht „zu oft“, wer ist „zu empfindlich“, wer belastet „das System“.</p>



<p>Unangenehm wird es zusätzlich durch die Person, die da über Zumutbarkeit spricht. Andreas Gassen gehört, so wird es zumindest berichtet, zu den bestbezahlten Funktionären im deutschen Gesundheitswesen, mit Einkünften in einer Größenordnung, in der drei oder vier Euro tatsächlich nicht mehr als eine atmosphärische Größe sind – man spürt sie nicht, man entscheidet nicht über sie, man muss sie nicht gegen irgendwas abwägen. Und genau dieser Abstand ist das Politische daran: Wenn Menschen, die selbst keinerlei Einschränkung fühlen, Maßstäbe dafür setzen, was für andere „nur ein kleiner Beitrag“ sei, entsteht ein Realitätsleck, durch das Vertrauen rausläuft. Noch gravierender: In dieser Debatte wird der Ost-West-Unterschied oft behandelt wie ein Nebensatz, dabei ist er der Kern. Ostdeutschland ist im Schnitt älter, häufiger chronisch krank, ökonomisch schwächer und in vielen Regionen medizinisch schlechter versorgt – weniger Ärzte pro Kopf, längere Wege, geringere Einkommen. Eine pauschale Gebühr wirkt in so einem Umfeld nicht steuernd, sondern ausgrenzend, und sie sendet eine Botschaft, die man sich im politischen Betrieb vielleicht nie so auf die Fahne schreiben würde, die aber unten ankommt wie ein Stempel: Überleg dir gut, ob du dir krank sein leisten willst. Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der das Vertrauen in Institutionen und Sicherungssysteme – gerade im Osten – ohnehin brüchig ist, weil viele seit Jahren das Gefühl haben, sie zahlen die Rechnung für Strukturprobleme, die woanders beschlossen wurden, ohne je wirklich „gleichwertige Lebensverhältnisse“ zu bekommen, außer als Schlagwort.</p>



<p>Dabei liegen die echten Baustellen des Gesundheitssystems nicht bei den Patientinnen und Patienten, die angeblich zu oft zum Arzt gehen, sondern bei den Strukturen, die man sich über Jahrzehnte so hübsch kompliziert gebaut hat, dass inzwischen fast niemand mehr ehrlich sagen kann, wer eigentlich warum wofür bezahlt: ineffiziente Abrechnungssysteme, eine Überbürokratisierung, teure Parallelwelten zwischen gesetzlicher und privater Versicherung, eine Präventionspolitik, die oft eher Kampagne als Infrastruktur ist, und ein Honorarsystem, das Fehlanreize setzt – also genau diese Mischung aus Papier, Geld und Logikbrüchen, an die man ungern ranwill, weil es mühsam ist und mächtigen Interessen wehtut. Die Gebühr pro Arztbesuch ist dagegen bequem: Sie verlagert Verantwortung nach unten und verkauft das als Vernunft. Nur ist ein Gesundheitssystem, das ernsthaft solidarisch sein will, nicht dazu da, Krankheit mit Gebühren zu bestrafen, und eine Politik, die Zusammenhalt ernst nimmt, darf regionale Unterschiede nicht ignorieren, nur weil es in der Tabelle schöner aussieht, wenn alle gleich behandelt werden. Der Vorschlag tut beides und am Ende zeigt er vor allem, wie weit Teile der gesundheitspolitischen Elite von der Lebenswirklichkeit vieler Menschen weggerutscht sind, besonders im Osten, wo man sich solche „kleinen“ Hürden eben nicht kleinreden kann, weil sie sich addieren, bis sie wirklich wehtun.</p>
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