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		<title>Pflegeheim in Sachsen: Sterben war noch nie billig.</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Jan 2026 10:12:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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<p>Wenn ein Satz anfängt mit „Pflege im Heim wird teurer“, dann klingt das in Deutschland ja immer noch so, als wäre das eine Art Wetterlage: Es zieht auf, nehmen Sie einen Schirm mit, ist halt Januar. Nur dass der Schirm hier 2.986 Euro im Monat kostet, in Sachsen, im ersten Jahr im Heim – also nicht „Luxus-Suite mit Alpenblick“, sondern schlicht ein Platz, an dem jemand gewaschen, versorgt, begleitet wird, weil er’s allein nicht mehr kann. Und ich soll das als normal akzeptieren, als naturgesetzliche Preisbewegung, als „Vorhaben“ halt, das jetzt eben umgesetzt wird? Nee. Ich lehne dieses Vorhaben ab, und zwar nicht aus reflexhaftem „Alles wird teurer“-Dauernörgeln, sondern weil hier ein Kernversprechen kippt: Dass ein Sozialstaat seine alten, kranken Menschen nicht in eine Kostenfalle schickt, während alle Beteiligten so tun, als sei das nur ein Rechenproblem.</p>



<p>Die Zahl in Sachsen ist dabei nicht mal der Ausreißer nach oben, eher die neue Mitte. Zum 1. Januar 2026 ist die Eigenbeteiligung im Freistaat auf diese 2.986 Euro gestiegen, 266 Euro mehr als zu Jahresbeginn 2025. Und ja, man kann sofort einwenden: „Aber je länger man im Heim ist, desto mehr Zuschüsse greifen.“ Stimmt, in Sachsen sinkt die Belastung laut derselben Auswertung im zweiten Jahr auf 2.689 Euro, im dritten auf 2.293 Euro, im vierten auf 1.797 Euro. Nur ist das eine dieser typisch deutschen Trostpflaster-Logiken: Erst wirst du finanziell angeknockt, und wenn du lange genug liegenbleibst, kommt jemand und sagt: Schau, jetzt tut’s weniger weh. Und das Problem ist nicht nur die Höhe, sondern die Zusammensetzung, dieses kleinteilige „Das ist Pflege, das ist Unterkunft und Verpflegung, das sind Investitionen, das sind Ausbildungskosten“ – als würde man einen Absturz in Zeitlupe erklären. Die Eigenbeteiligung besteht aus Unterkunft/Verpflegung, Investitionskosten und pflegebedingten Aufwendungen, wobei bundesweit vor allem Letztere besonders gestiegen sind, unter anderem wegen höherer Personalkosten. Personalkosten, wohlgemerkt, sind nicht der Feind: Wer Pflege will, muss Pflege bezahlen, ordentlich, tariflich, menschenwürdig. Der eigentliche Skandal ist, dass wir diese völlig berechtigte gesellschaftliche Aufgabe so finanzieren, dass sie am Ende als Privatrechnung auf dem Tisch der Betroffenen landet.</p>



<p>Denn die Pflegeversicherung ist im Kern eben keine Vollkasko, sondern eine Konstruktion, die pauschal zahlt und den Rest – die „Spitze“, die nach oben offen ist – bei den Menschen ablädt. Das Bundesgesundheitsministerium beschreibt es sachlich: In der vollstationären Pflege zahlt die Pflegeversicherung pauschale Leistungen für pflegebedingte Aufwendungen (inklusive Betreuung und Behandlungspflege), während Pflegesätze und weitere Kosten in Verhandlungen festgelegt werden. Und selbst dort, wo es Entlastungszuschläge gibt, ist das entscheidende Detail: Bezuschusst wird im Wesentlichen der Eigenanteil an Pflege- und Ausbildungskosten – Unterkunft, Verpflegung und Investitionskosten bleiben weiterhin komplett bei den Heimbewohnenden hängen. Die Staffelung der Zuschläge ist seit 2024 immerhin deutlich verbessert (15/30/50/75 Prozent je nach Aufenthaltsdauer), aber auch das gilt nur auf bestimmte Bestandteile, nicht auf das ganze Paket. Das ist ungefähr so, als würde man sagen: „Keine Sorge, wir übernehmen einen Teil der Reparatur – aber die Miete für die Werkstatt zahlst du weiter voll.“ Und dann wundert man sich, dass Menschen aus Angst vor Kosten den Heimeinzug hinauszögern oder Angehörige sich aufreiben, bis es kippt.</p>



<p>Und jetzt kommt der zweite Teil, der gerne unter „privates Schicksal“ abgeheftet wird, obwohl er längst eine öffentliche Rechnung ist: Wenn Betroffene diese Summen nicht zahlen können, springt die Sozialhilfe ein. Das ist kein Randphänomen. Laut Destatis erhielten im Laufe des Jahres 2024 knapp 432.000 Menschen Hilfe zur Pflege, davon rund 347.000 (also 98 Prozent) im Bereich der stationären Pflege. Und die Ausgaben wachsen: ZDFheute berichtet von Nettoausgaben für Hilfe zur Pflege von 5,3 Milliarden Euro, mit deutlichen Steigerungen. Das bedeutet: Pflege ist aktuell zu teuer für die Betroffenen – und sie ist gleichzeitig zu teuer für den Steuerzahler, weil das System die Rechnung erst privat eskalieren lässt, bis am Ende die Kommunen und Sozialhaushalte die Schäden auffangen. In Thüringen steht laut dpa der Fakt im Raum, dass 2024 fast die Hälfte der Heimbewohner auf Sozialhilfe angewiesen gewesen sei (regional unterschiedlich, aber als Signal ziemlich unerquicklich). Und währenddessen diskutieren wir ernsthaft darüber, ob es „zumutbar“ sei, dass Menschen im Heim eben zahlen müssen, was es kostet. Was für ein Satz: zumutbar. Als wäre Pflege ein Festival-Ticket.</p>



<p>Was mich dabei wirklich kirre macht, ist diese institutionalisierte Zuständigkeitsakrobatik: Jeder zeigt auf jeden, alle haben irgendwie recht, und am Ende hat niemand die Rechnung bezahlt. Ulrike Elsner vom vdek sagt es in einer ZEIT-Meldung ziemlich klar: Pflegebedürftige müssten für Investitions- und Ausbildungskosten aufkommen, die Sache des Staates seien, und die Bundesländer sollten diese Kosten endlich übernehmen. Und wenn man sich anschaut, worüber wir da reden, wird es noch absurder: Das BMG weist in einem Bericht zu Investitionskosten aus, dass umlagefähige Investitionskosten in der vollstationären Dauerpflege im Berichtsjahr 2023 im Schnitt bei 16,08 Euro pro Platz und Tag lagen – je nach Land deutlich unterschiedlich. Das sind Posten, die nicht „Pflege am Menschen“ sind, sondern Gebäude, Ausstattung, Infrastruktur – also Dinge, die politisch planbar und förderbar wären, wenn man es denn wollte, statt sie als versteckte Miete auf die Bewohner umzulegen. Wir haben uns über Jahre daran gewöhnt, dass Pflegeheime wie eine Mischung aus Daseinsvorsorge und Immobilienprodukt funktionieren, irgendwo zwischen Gemeinwohl und Renditeerwartung, und dann tun wir überrascht, wenn es teuer wird. Gleichzeitig wird die Pflegeversicherung mit kurzfristigen Maßnahmen stabilisiert – Darlehen hier, Zuschuss da – aber die strukturelle Frage bleibt liegen: Wer trägt welches Risiko, und warum trägt es ausgerechnet der Mensch, der gerade am wenigsten tragen kann?</p>



<p>Man kann dem entgegen treten, ohne in die übliche „Alles muss billiger“-Falle zu tappen, die am Ende nur auf dem Rücken der Pflegekräfte landet. Erstens, und das ist wirklich der offensichtliche Anfang: Investitions- und Ausbildungskosten gehören konsequent in öffentliche Verantwortung, also Länder (Investitionen) und eine saubere, bundeseinheitliche Finanzierung der Ausbildung, statt diese Posten über Heimrechnungen zu verstecken. Das entlastet sofort die Eigenanteile, ohne eine einzige Pflegeminute wegzukürzen. Zweitens braucht es bei den pflegebedingten Kosten einen Systemwechsel, der seit Jahren diskutiert wird, aber politisch immer so behandelt wird wie ein unangenehmer Zahnarzttermin: der Sockel-Spitze-Tausch. Die Idee ist simpel, fast schon un-deutsch in ihrer Klarheit: Pflegebedürftige zahlen einen festen, gesetzlich definierten Sockelbetrag, und die Pflegeversicherung übernimmt alles darüber hinaus – das Risiko der Kostensteigerungen läge dann bei der Solidargemeinschaft, nicht beim Einzelnen. Drittens muss die Finanzierung breiter werden, sonst bleibt alles Show: Wenn Pflege eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist (und das ist sie), dann ist es schwer zu begründen, warum die Beitragsbasis so eng bleibt. In der Debatte wird genau das gefordert – etwa die Einbeziehung weiterer Einkommensarten wie Kapitalerträge und Mieten in die Beitragsbemessung, um die Last zu verteilen. Wer das „unfair“ findet, darf gern erklären, warum es fair sein soll, dass eine Pflegekraft mit Schichtdienst die steigenden Kosten über Beiträge und Steuern mitträgt, während Vermögenseinkommen elegant vorbeischwimmen. Viertens – und ich sag das nicht als Wellness-Mantra, sondern als harte Kostenlogik – muss Prävention und Rehabilitation so ernst genommen werden, dass Pflegebedürftigkeit später eintritt oder weniger schwer ausfällt. Das BMG selbst betont im „Zukunftspakt Pflege“, dass Prävention ein Schlüssel zur Verringerung bzw. Verzögerung von Pflegebedürftigkeit sein kann, auch wenn die Finanzierungsfrage weiterhin zentral bleibt. Prävention klingt immer nach Broschüre im Wartezimmer, aber in Wahrheit ist es ein Investitionsprogramm: Sturzprophylaxe, Reha, bessere Versorgung chronischer Erkrankungen, niedrigschwellige Hilfen vor dem Heim – das sind keine „nice to haves“, das sind Hebel gegen die Kostenlawine. Und fünftens braucht es Transparenz und Effizienz, nicht als neoliberales Schlagwort, sondern als Schutzschild gegen Verschwendung: weniger Bürokratie in der Abrechnung, klare Qualitäts- und Personalschlüssel, digitale Prozesse, die Zeit für Pflege freischaufeln (und nicht neue Formulare erfinden), sowie eine ehrliche Prüfung, wo in einem System, das mit knappen Fachkräften arbeitet, Geld in Strukturen versickert, statt am Bett anzukommen.</p>



<p>Das alles ist nicht gratis. Aber der Punkt ist: Wir zahlen ohnehin – nur gerade maximal ungerecht und maximal ineffizient. Wir zahlen als Betroffene mit Erspartem, als Angehörige mit Lebenszeit und Nerven, als Steuerzahler mit Sozialhilfeausgaben und kommunalen Haushaltslöchern. Und dann setzen wir uns hin und nennen es „Pflege wird teurer“, als wäre das ein Naturgesetz, dabei ist es eine politische Entscheidung, wie viel Risiko privat bleibt und wie viel solidarisch getragen wird. In einem Land, das gern über Leistung, Verantwortung und „Respekt“ spricht, wäre Respekt vielleicht mal ganz konkret: Dass niemand Angst haben muss, im Alter pflegebedürftig zu werden, weil ihn dann nicht nur der Körper, sondern auch die Rechnung bricht. Sachsen mit fast 3.000 Euro ist kein sächsisches Problem, es ist ein deutscher Lackmustest: Wollen wir Pflege als Daseinsvorsorge oder als Privatinsolvenz mit Bettgitter?</p>
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		<title>Gebühren für jeden Arztbesuch</title>
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		<pubDate>Tue, 30 Dec 2025 09:19:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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<p>Wenn jemand wie Andreas Gassen, der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, vorschlägt, für jeden Arztbesuch wieder eine Gebühr einzuführen, dann klingt das auf den ersten Blick nach dieser typisch deutschen Lösung, die sich im Satz schon nach „Ordnung“ und „Vernunft“ anfühlt: drei oder vier Euro, wirklich nicht die Welt, ein kleines Signal, damit die Leute nicht wegen jedem Ziehen im Ellenbogen das Wartezimmer blockieren. Und genau da fängt bei mir dieses unangenehme Kippen an, weil ich merke, wie schnell aus einer scheinbar moderaten Idee etwas wird, das größer ist als der Betrag, den man da an die Rezeption legt. Denn diese Gebühr ist nicht einfach „gesundheitspolitisch“, sie ist ein Symptom: für eine Entfremdung zwischen denen, die solche Sätze sagen können, ohne dabei rot zu werden, und denen, die sie später ausbaden und zwar besonders dort, wo Lebensrealität nicht nach Hauptstadt-Taktung funktioniert, sondern nach Busfahrplan, Rentenbescheid und dem nächsten freien Termin in drei Wochen.</p>



<p>Drei oder vier Euro pro Besuch, heißt es. In einem Milieu, in dem man über „Eigenbeteiligung“ spricht, klingt das wie Kleingeld, aber Kleingeld ist nur dann Kleingeld, wenn man genug anderes Geld hat, um es nicht zählen zu müssen. Gerade in Ostdeutschland, wo Löhne und Renten im Schnitt noch immer niedriger sind als im Westen, wo Altersarmut nicht exotisch, sondern sichtbar ist, und wo medizinische Versorgung oft mit Distanz und Aufwand verbunden bleibt, wirkt so eine Gebühr nicht wie ein Lenkungsinstrument, sondern wie eine zusätzliche Hürde; und zwar ausgerechnet für die, die nicht „zum Arzt gehen“, weil ihnen langweilig ist, sondern weil der Körper ihnen irgendwann die Kündigung schreibt. Wer auf dem Land in Sachsen-Anhalt oder Sachsen lebt, macht keinen spontanen Arztbesuch wie einen Coffee-to-go-Stop; da hängt ein ganzer kleiner Logistikfilm dran: Termin organisieren, Anfahrt klären, Fahrtkosten einplanen, vielleicht jemanden bitten, mitzufahren, Arbeitszeit oder Pflegezeit irgendwie drehen. Und dann soll da am Ende noch ein Preisetikett dran, als wäre Krankheit ein Konsumverhalten, das man mit einem kleinen Obolus abgewöhnt bekommt?</p>



<p>Gassen begründet das klassisch: weniger „unnötige“ Arztbesuche, weniger Kostenexplosion. Das ist die alte Erzählung, die immer dann aus der Schublade kommt, wenn man schnell eine Stellschraube braucht, die sich leicht drehen lässt, weil sie nicht an die mächtigen Zahnräder im System geht, sondern an die Menschen. Und wir hatten das doch schon, bis 2012, mit der Praxisgebühr – als Experiment am lebenden Publikum, nur dass das Publikum keine Pause-Taste hat. Der Effekt war damals nicht, dass plötzlich alle gesundheitsökonomisch erleuchtet durchs Leben gingen, sondern dass manche Arztbesuche aufgeschoben oder ganz vermieden wurden, besonders bei denen, die jeden Euro umdrehen müssen. Das ist nicht nur sozial unerquicklich, das ist medizinisch riskant, weil Verzögerung in vielen Fällen eben nicht „Kosten sparen“ heißt, sondern „später teurer werden“ und im schlimmsten Fall: später schlimmer. Dass man diese Erfahrung heute so behandelt, als wäre sie ein vergessenes Kapitel aus einem alten Koalitionsvertrag, ist bezeichnend, und es ist auch gefährlich, weil es die Realität von Krankheit zu einem moralischen Problem umdeutet: Wer geht „zu oft“, wer ist „zu empfindlich“, wer belastet „das System“.</p>



<p>Unangenehm wird es zusätzlich durch die Person, die da über Zumutbarkeit spricht. Andreas Gassen gehört, so wird es zumindest berichtet, zu den bestbezahlten Funktionären im deutschen Gesundheitswesen, mit Einkünften in einer Größenordnung, in der drei oder vier Euro tatsächlich nicht mehr als eine atmosphärische Größe sind – man spürt sie nicht, man entscheidet nicht über sie, man muss sie nicht gegen irgendwas abwägen. Und genau dieser Abstand ist das Politische daran: Wenn Menschen, die selbst keinerlei Einschränkung fühlen, Maßstäbe dafür setzen, was für andere „nur ein kleiner Beitrag“ sei, entsteht ein Realitätsleck, durch das Vertrauen rausläuft. Noch gravierender: In dieser Debatte wird der Ost-West-Unterschied oft behandelt wie ein Nebensatz, dabei ist er der Kern. Ostdeutschland ist im Schnitt älter, häufiger chronisch krank, ökonomisch schwächer und in vielen Regionen medizinisch schlechter versorgt – weniger Ärzte pro Kopf, längere Wege, geringere Einkommen. Eine pauschale Gebühr wirkt in so einem Umfeld nicht steuernd, sondern ausgrenzend, und sie sendet eine Botschaft, die man sich im politischen Betrieb vielleicht nie so auf die Fahne schreiben würde, die aber unten ankommt wie ein Stempel: Überleg dir gut, ob du dir krank sein leisten willst. Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der das Vertrauen in Institutionen und Sicherungssysteme – gerade im Osten – ohnehin brüchig ist, weil viele seit Jahren das Gefühl haben, sie zahlen die Rechnung für Strukturprobleme, die woanders beschlossen wurden, ohne je wirklich „gleichwertige Lebensverhältnisse“ zu bekommen, außer als Schlagwort.</p>



<p>Dabei liegen die echten Baustellen des Gesundheitssystems nicht bei den Patientinnen und Patienten, die angeblich zu oft zum Arzt gehen, sondern bei den Strukturen, die man sich über Jahrzehnte so hübsch kompliziert gebaut hat, dass inzwischen fast niemand mehr ehrlich sagen kann, wer eigentlich warum wofür bezahlt: ineffiziente Abrechnungssysteme, eine Überbürokratisierung, teure Parallelwelten zwischen gesetzlicher und privater Versicherung, eine Präventionspolitik, die oft eher Kampagne als Infrastruktur ist, und ein Honorarsystem, das Fehlanreize setzt – also genau diese Mischung aus Papier, Geld und Logikbrüchen, an die man ungern ranwill, weil es mühsam ist und mächtigen Interessen wehtut. Die Gebühr pro Arztbesuch ist dagegen bequem: Sie verlagert Verantwortung nach unten und verkauft das als Vernunft. Nur ist ein Gesundheitssystem, das ernsthaft solidarisch sein will, nicht dazu da, Krankheit mit Gebühren zu bestrafen, und eine Politik, die Zusammenhalt ernst nimmt, darf regionale Unterschiede nicht ignorieren, nur weil es in der Tabelle schöner aussieht, wenn alle gleich behandelt werden. Der Vorschlag tut beides und am Ende zeigt er vor allem, wie weit Teile der gesundheitspolitischen Elite von der Lebenswirklichkeit vieler Menschen weggerutscht sind, besonders im Osten, wo man sich solche „kleinen“ Hürden eben nicht kleinreden kann, weil sie sich addieren, bis sie wirklich wehtun.</p>
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